Druckschrift 
2 (1923) Von der Mitte des zehnten Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Kampfes zwischen Kirche und Staat : mit Index
Entstehung
Seite
105
Einzelbild herunterladen
 

Berengar von Tours. 105

beide Parteien bestimmt ist, deren Schuld gegenseitig ab. Zum Schlüssestellt sich Berengar indes mehr auf Seite der Kleriker, da der Bischofeinen Diakon wegen dessen Verheiratung exkommuniziert hatte.

Man sieht aber hieraus deutlich, daß sich Berengar keiner geringenAchtung bei dem Klerus erfreute. Aber auch bei den Fürsten mute er vielgegolten haben, denn der mächtige Graf Gaufrid von Anjou wurde seinGönner und Bischof Frollant von Senlis meldet ihm in einem Briefe, dateer ihn beim König Heinrich I. stark in Gunst gesetzt habe, und bittet ihnzugleich, sein Fürsprecher bei Heinrich sein zu wollen. Doch bald wußteman sich von dem Scholastikus in Tours zu erzählen, daß er in der Auf-fassung des Abendmahls von der herrschenden Meinung der Kirche ab-wich, die Radbert in seiner Schrift De corpore et sanguine domini nieder-gelegt hatte. Daher wandte sich sein alter Schulfreund Adelmann zunächstdurch den Primicerius Paulinus von Metz brieflich an ihn, um ihn davonabzubringen. Das Schreiben scheint aber nicht bestellt worden zu sein,denn Adelmann erhielt keine Antwort, so daß er zwei Jahre später demFreund einen herzlichen und ausführlichen Warnungsbrief schickte, in demer ihn bei der Erinnerung an die alte Schulzeit beschwor, die Abweichungenvom Kirchenglauben aufzugeben und nicht in Ketzerei zu verfallen; zugleichmacht er dem Freunde deutlich, wie die Worte bei der Einsetzung desAbendmahls nach der Lehre von der Transsubstantiation zu verstehen seien.Und der Bischof Hugo von Langres, der mit Berengar persönlich bekanntwar, sandte ihm seinen Tractatus de corpore et sanguine Christi, um ihndavon abzubringen, das Abendmahl mit andern Augen zu betrachten, alses in der Christenheit üblich sei. Aber diese Schreiben hatten keinenErfolg. Berengar beharrte bei seiner Ansicht, und der neue Papst Leo IX.war bald darüber unterrichtet. Das ergibt sich aus einem Briefe des BischofsEusebius von Angers an seinen Metropoliten Arnulf von Tours aus demJuni 1049, an dessen Ende sich Eusebius auf das bitterste darüber beklagt,daß der Papst den Berengar, der ohne Irrtum und Schuld dastehe, aufhöchst ungerechte und unwürdige Weise in Verruf gebracht habe. DerAnstoß zur Aufrollung der ganzen und für die Zeit wichtigen Frage solltevon einer Seite kommen, die mit Berengar früher befreundet gewesen war.

Nämlich zu Anfang 1050 richtete Berengar an den Prior Lanfranc vonBec einen Brief, der den Verfasser noch ganz im Vollgefühl der Überlegen-heit zeigt. Wir wissen aus dem von Milo Crispinus geschriebenen LebenLanfrancs, daß beide Männer befreundet waren. Guitmund erzählt aber und zwar wohl nicht ohne Übertreibung, daß Berengar von Lanfranceinst in einer unbedeutenden dialektischen Frage beschämt worden seiund gesehen habe, daß sein Gegner die freien Künste wieder zum Lebenerweckte, während er selbst von seinen Schülern verlassen wurde; daraufhabe er sich zu einer widerwärtigen Deutung der kirchlichen Sakramentegewendet, die rechtmäßigen Ehen zerstört, 1 ) gegen die Kindertaufe ge-sprochen und endlich die kirchliche Auffassung des Abendmahls unter-

') Hieraus wie aus dem folgenden sieht man deutlich die Uebertreibung und den gegen.Berengar gerichteten Haß.