104 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.
daß er sich um die Meinung des Lehrers nicht eben viel gekümmert, dieMitschüler über die Achsel angesehen und die Bücher der freien Künsteverachtet habe. Dies Urteil scheint allerdings etwas hart zu sein, dennes kam aus der Feder seines Gegners Guitmund und wird dadurch dochin etwas entkräftet, daß Berengar in De sacra coena als mit den Waffender Künste des Triviums vortrefflicher denn seine Zeitgenossen ausgerüsteterscheint und wir von ihm selbst wissen, daß er erst in gereifteren Jahrensich in die Heiligen Schriften vertieft hat. Außerdem wissen wir aus einemBriefe seines Freundes Drogo, des späteren Archidiaconus zu Paris, daßBerengar einen außerordentlichen Eifer für das Verstehenlernen der wissen-schaftlichen Werke und ein sehr großes Geschick für deren Erklärung besaß;ferner rühmt Drogo an ihm seine vortrefflichen Kenntnisse in der Heil-kunst und er ist nach einem Aufenthalt bei dem Freunde so von ihm be-geistert, daß er ausruft, er kenne niemand, den er ihm vergleichen könne.Einen gewissen Absonderungstrieb muß Berengar allerdings besessen haben,denn Drogo fügt mit Bedauern hinzu, daß er von der Welt nicht gekanntwerde, und schließt den Brief: „Hierbei tröstet mich allein, daß ich nachmeiner Trennung von dir bei allen Männern von Ansehen dein Lob ver-kündet habe." Dieser Brief fällt etwa in das Jahr 1040, scheint aber nochfrüher geschrieben zu sein, als Berengar zu Tours Kanonikus und Lehreran der Schule wurde, denn Drogo bezeichnet ihn in der Aufschrift einfachals Priester. Jedenfalls trat er in seiner neuen Stellung aus der früherenUnbekanntheit heraus, denn seiner kritischen Veranlagung nach muß er eintüchtiger Lehrer gewesen sein. Freilich ging er auch hier seine eignenWege, denn es entstand viel Gerede um ihn, das aber in jener Zeit desunbedingten Autoritätsglaubens die Tatsachen wohl stark übertrieb; wieihm sein älterer Mitschüler Adelmann vorwarf, daß man von ihm erzähle,er verachte die alten und erprobten Autoren, wie den Priscian, Donat undBoetius, und einige junge Leute, die aus seiner Schule gekommen seien,hätten bei den kirchlichen Lektionen durch das Betonen der von ihm neuaufgebrachten Akzente großen Anstoß erregt. Hierbei mag Wahres mitFalschem gemischt sein. Auf der andern Seite muß aber Berengar ingeistlicher Beziehung in hohem Ansehen gestanden haben, wie seine beidenfrühesten Briefe erweisen. Nämlich in einem derselben hält er einigenEremiten, die sich an ihn gewendet hatten, eine sehr eindringliche Predigtüber ihr Leben und warnt sie, indem er den Begriff der Sünde in scharfkritischer Weise aus dem menschlichen Dasein erfaßt, vor dem Hochmutund hält ihnen vor, aus welchem Grunde sie die Einsamkeit aufgesuchthaben. Aus dem Briefe ergibt sich eine sehr strenge Auffassung von derinneren Einkehr des Menschen und der Buße. Das andre Schreiben wurdedurch einen Streit hervorgerufen, der zwischen einem Bischof — vielleichtIsembert von Poitiers J ) — und seinem Klerus ausgebrochen und wohl durchJoscelin, den Schatzmeister von St. Hilaire zu Poitiers, dem Berengar mitder Bitte mitgeteilt worden war, zwischen beiden Parteien zu vermitteln.Sein Antwortschreiben ist sehr vorsichtig gehalten und wägt, da es für
') Vgl. hierzu H. Sudendorf, Berengarius Turonensis (Hamburg und Gotha 1850) S. 9L