102 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.
ein Unbekannter nach St. Emmeram gebracht; sie stamme aus den Grenz-gebieten Griechenlands. Diese zweite besitze manche Angabe, die derersten fehlten, nur sei sie in sehr schlechtem Latein geschrieben. Er habedaher beide ineinander gearbeitet, nichts hinzugefügt, sondern manchesÜberflüssige entfernt und den Stil verbessert; bei Diskrepanzen beiderQuellen habe er die Auswahl nach Gutdünken getroffen. Da nur das letzteKapitel — das einzige selbständige ■— neben dem Prolog herausgegeben ist,so muß die Beurteilung der Schrift einstweilen ausbleiben. Nur entstehthier die Frage, ob Otloh wirklich zwei verschiedene Versionen der Bio-graphie vorliegen hatte und welche das gewesen sind. Bemerkenswert istauch der Umstand, daß Otloh in der Schrift De temptationibus ausdrück-lich erwähnt, er sei zur Abfassung der Vitae Nicolai und Wolfgangi vonden Brüdern in St. Emmeram aufgefordert worden, was er im Prologebeider Schriften erwähnt habe. Davon findet sich aber in dem von Watten-bach gedruckten Prolog der Vita Nicolai nichts, vielmehr sagt Otloh, daßihn Abt Wicrad zur Abfassung aufgefordert habe.
Angaben des Prologs (Neues Archiv 10, 408) . . . primo dehinc, o venerdnde simul etkarissime abbas Wierade, vestre libellum presentem dignitati recertsendum offero . . . euiusetiam peticione scripsi . . . Est et alia causa, pro qua stcperfluum duxi aliquant in hoc pro-logo nominis mei facere mentionem, quia alienum pene opus est . . . Älienum quippe ob hocvidetur, quia excepto uno capitulo, quod in fine continetur, omnia ex libellis duobus collegi,uiio quidem qui in plurimis locis habetur, alio autem ab ignoto quodam nostratibus alJatoqui hec ex longinquis contiguisque Grecie regionibus se acquisisse dixit. In quo nimirnmquia multa licet rusticitate magna edita inveni, quae in altero non habeantur, studui unumex his duobus libellum conficere, nichil de meo adiciens sed tantummodo ex utrisque superfluaqueque auferens et que in Mo novitio arti prorsus aramatice dissonabant, aliquatenusemendans. Tibi enim uterque consentiebat, unum horum scripsi, ubi autem discordabant,quod melius mihi videbatur, assumpsi. Handschrift Monac. 14419 s. XII f. 21—42. Prologund letztes Kapitel herausgegeben von Wattenbach, Neues Archiv 10, 408 f. Vgl. Anal.Bollandiana 17,205.
3. Vita sancti Magni. Auf Bitten zweier Mönche von St. Emmeram,nämlich Wilhelms, des späteren berühmten Abtes von Hirschau, und Adal-halms aus St. Mang, der sich damals der Studien halber in St. Emmeramaufhielt und später Abt zu St. Afra in Augsburg wurde, verfaßte Otloh einLeben des'hl. Magnus, d. h.- er überarbeitete das alte, angeblich von Ermen-rich verfaßte Leben des Magnus, indem er den fehlerhaften Stil dieserSchrift verbesserte. In dem erst vor kurzem bekannt gewordnen Prologean Adalhalm vergleicht er seine Arbeit mit einer gefahrvollen Fahrt aufdem Meere 1 ) und erläutert die Schwierigkeiten, die er zu überwinden ge-habt, an mehreren Beispielen, nämlich daß in dem alten Leben berichtetwird, Magnus habe eine Kirche allein ohne Hilfe gebaut und der Ort habeEptaticus geheißen, d. h. zwischen zwei Klöstern gelegen. Am Schlüsseseiner Arbeit macht Otloh den Schriftstellern, die in kürzester Zeit Schriftenmit Gedanken der alten Autoren, ja mit der Beredsamkeit eines Tulliusanfüllen könnten, den Vorwurf, daß sie es für unter ihrer Würde gehaltenhätten, die Wunder des hl. Magnus aufzuzeichnen. Und jetzt seien dieZeiten mit Krieg und Hinterlist und mit Vernichtung der heiligen Orteerfüllt und dabei gewinne niemand die Ruhe, über die Wunder von Heiligen
') Wie einst Sedulius im Prolog zum | Fortunatus in den Prologen zu den vier BüchernPaschale Carmen anMacedonius und Venanlius