98 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.
man seine persönlichen Mahnungen nicht hören wollte, so verfaßte er einBuch „Vom geistlichen Wettlaufe", um auf diesem Wege zur Erbauung undBesserung beizutragen. Er wollte hierin einen Lauf durch die hl. Schrift,besonders durch den Psalter und die Evangelien antreten. Namentlicherschien es ihm unleidlich, daß die Menschen auf seine vielfachen Er-mahnungen geantwortet hatten, die Fürsten gingen mit solchem Beispielvoran und ihnen müßte man folgen, und daß viele hervorragende Geistlichezwar ausgezeichnet predigten, aber nicht nach ihren Worten lebten, sowiedaß Recht und Gerechtigkeit aus der Welt verschwunden seien. Und daschon seit vielen Jahren Mißwachs eingetreten sei, so müßten die Leiterdes Volkes dafür sorgen, wie man am besten diese Plage abwenden könne;denn im Alten wie im Neuen Testament seien für solche Fälle Vorschriftenenthalten. Otloh geht nun in seiner Darstellung von 1 Kor. 9, 24 aus underläutert danach die Begriffe Stadium und cursus spiritualis. Er fährt dannmit der Darstellung des Wettlaufes um den Siegespreis bei den einzelnenStänden fort, die sich alle verschieden daran beteiligen müßten und schließthieran eine Menge Beispiele von alttestamentlichen Persönlichkeiten, besondersDavids an, wobei er den Psalter vielfach auszieht und auf die Vorher-verkündigungen Christi, seines Lebens und seiner Lehre durch die Psalmenausführlich eingeht; namentlich wird ihm Psal. 18,10 zum Ausgangspunktfür den Beweis der Gerechtigkeit von dem Gericht Gottes. Hier wird dieAbhandlung oft zur Stellensammlung aus dem Psalter. Darauf zieht Otlohdie Stellen aus den Büchern Salomos, aus Hiob und aus den Prophetenaus, die für seine Beweisführung in Betracht kommen, um dies dann mitdem Berichte der Evangelien fortzusetzen, insoweit dieser zum Anspornfür die Tugend dienen kann. Hier wendet er sich im einzelnen gegen dieunchristlich Lebenden und gegen die sittlichen Gebrechen seiner Zeit.Von Kap. 21 an kommt er auf sich selbst zu sprechen und beginnt mitden vielfältigen Versuchungen, denen er ausgesetzt gewesen sei, wobeiseine Darstellung öfters zum Dialog, schließlich ganz zum Monolog, zum.Selbstgespräch wird. Er erwähnt dann die göttlichen Heilmittel, zu denener sich wandte, und stellt dar, warum Gott solche Versuchungen zulasse, undbringt hierfür Beispiele aus dem Alten und dem Neuen Bunde; ferner dienenihm hier Cassian, dieVitae patrum, Gregors Dialoge und das Leben derMaria Aegyptiaca zur Quelle für weitere Erzählungen. Den Schluß bildeteine Belehrung darüber, was allen Menschen insgesamt zum Wettlaufe nötigsei. Das ganze Werk läßt erkennen, daß Otloh nicht nur in der Bibel gutzu Hause war, sondern auch, daß ihm die Methode seiner Zeit, Bibel undVäter allegorisch auszulegen, wohl bekannt gewesen ist. Zum Teil mages, wie andere, auf früher angefertigten Stellensammlungen beruhen, diedem Unterricht dienten.
Zur Veranlassung Tempt. 2 (col. 56 A) Post haec autem cum vlderem simul et audiremundique Christianae religionis destruetionem, rectorum et prineipum negligentiam in sub-ditos tarn in spirituali quam saeculari vita positos doleremque iugiter pro talibus, cogitarecoepi, ut qnia nullus dignaretur me audire communi sermone loquentem . . . vel scribendoaliqua sacrae scripturae cerba proferrem, unde aliquos aedificare possem.') Hac igitur causa
') Im Prolog (col. 141A) traetavi vel scri- I dieta, ut qui sermone communi dedignanturbere aliqua de scripturis sanetis exhortatoria \ corripi, lectione sattem sacra corrigantur.