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2 (1923) Von der Mitte des zehnten Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Kampfes zwischen Kirche und Staat : mit Index
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Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.

Leipzig 1905) mit vollständigem Abdruck der in der Biographie enthaltenen Bonifazbriefe.Vgl. G. Leidinger, Quellen und Erörterungen z. bayer. und deutschen Geschichte N. F. 31915) S. 73.

Proverbia. In Fulda begann Otloh außerdem seine große Sammlungvon Sprüchen und Sentenzen zusammenzustellen. Er hatte, wie er sagt,eben die unter dem Namen Proverbia Seneeae bekannten Sprüche gelesenund habe sich über die darin niedergelegte Klugheit dieses Heiden ge-wundert. Er sei dadurch selbst angeregt worden, eine Sammlung solcherSprüche aus den weltlichen wie aus den heiligen Schriften sowie aus seineneignen Werken zur Erbauung der Gläubigen zu veranstalten. Diese Sprüchekönnten die Knaben in der Schule nach dem Psalter lesen, denn sie seienkürzer und verständlicher als die Fabeln Avians und nützlicher als dieSprüche Catos (gemeint sind die Disticha Catonis), welche beiden Werkedoch beinahe alle Lehrer als ersten Lernstoff den Knaben vorlegten, ohnezu bedenken, daß den jugendlichen wie den älteren Christen die Anfangs-gründe eher aus den heiligen als aus den heidnischen Schriften beigebrachtwerden müßten; denn dann würden sie die zur Grammatik notwendigenweltlichen Literaturwerke sicherer lernen können, wenn sie diese christ-liche Grundlage innehätten. Wir finden hier also, wie schon mehrfach seitdem 10. Jahrhundert, das Bestreben, den für die Jugend gefährlichen antikenLehrstoff durch christlichen zu ersetzen. Am nächsten käme Otlohs Arbeitden einige Jahrzehnte früher entstandenen Sprüchen Wipos, nur daß sieungleich umfänglicher ist und gemäß den Proverbia Seneeae den Stoff alpha-betisch anordnet. Man sieht aber nicht nur hieraus die Anlehnung an dieklassische Literatur, sondern auch aus der Herübernahme einer Menge vonantiken Sprüchen, denn neben vielen Senecasprüchen x ) erscheinen dochauch manche Verse aus Horaz und Juvenal und aus den Disticha Catonis.Nämlich bei jedem Buchstaben hat Otloh der großen Zahl von Prosa-sprüchen eine Anzahl Verse angehängt, in denen sich die Entlehnungen ausder alten Literatur finden. Bei weitem der größte Teil aller Sprüche stammtaber natürlich aus der Bibel oder aus den Werken der Väter, und zwarist die Anordnung so, daß die Sprüche aus der Bibel voranstehen. 2 ) Zuerstsind solche aus den Psalmen ausgewählt, dann folgen Sprüche aus denProverbien und aus anderen Büchern der Spruchweisheit, 3 ) darauf neu-testamentliche Worte, aber meist gemischt mit alttestamentlichen. Von denVersen am Ende jedes Abschnittes scheinen die von Otloh selbst zu stammen,die leoninisch gereimt sind, die andern setzte er aus den oben bezeich-neten Quellen hinzu. Übrigens verwendet Otloh auch in seinen Prosasprüchengern den Reim, wie schon Wipo getan hat. Sein Bibeltext stimmt im all-gemeinen mit der Vulgata überein, doch zeigen sich kleine Abweichungen,die aber von Otloh selbst herrühren können. 4 ) Es entspricht wohl demWesen seiner Schriftstellerei, daß er für die große Sammlung Aufzeichnungenbenutzte, die er sich als Lehrer gemacht hatte und dabei die alphabetische

*) Sie sind in der Sammlung durch Sen.hervorgehoben, das an den Rand gesetzt wurde.

2 ) So sind von den sechzig Prosasprüchen Adie ersten zwanzig aus der Bibel genommen.

3 ) Also ähnlich wie Egbert von Lüttich,

der in der Fecunda ratis ja auch die biblischeWeisheit auszog.

4 ) So steht A 18 cor statt Spiritus; B 10vir statt dives.