Druckschrift 
2 (1923) Von der Mitte des zehnten Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Kampfes zwischen Kirche und Staat : mit Index
Entstehung
Seite
92
Einzelbild herunterladen
 

92

Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.

Libellus manualis. Auch dieses Werk verfaßte Otloh in Fulda.Jedenfalls mochten die ärgerlichen Verhältnisse in St. Emmeram dazu bei-getragen haben, daß er das kleine Buch schrieb, das zur Ermahnung derKleriker und der Laien dienen sollte. Im ersten Abschnitt setzt er dieGründe, die ihn dazu bewogen, auseinander: die Verachtung der Religion,die Verfolgung der Kirche und die Beraubung der Klöster. Dann vergleichter die Trinität mit dem Bilde der Sonne und stellt zur Besserung desKlerus eine Anzahl Vergleiche aus den Evangelien und den beiden Testamentenzusammen und legt ihm den rechten Hunger und Durst nach dem gött-lichen Wort ans Herz. Die Laien aber sollen von den Priestern an derHand des Lebens zur Gottesliebe geführt werden und durch sie vermögeder natürlichen Erscheinungen zur Tugend gelangen. Das Ganze ist eineeindringliche Vermahnung in Form einer Predigt und fast volkstümlichgehalten, da sich der Verfasser nur auf die Bibel und auf das natürlicheLeben stützt. So ist auch der Stil klar und durchsichtig, wenn sich aucheine gewisse Mystik und Allegorie geltend macht. Am Schluß macht übrigensOtloh auf die abnorme Witterung der letzten Jahre 1 ) und auf die aus demAusland herübergenommene ungewohnte Barttracht und den Luxus in derKleidung aufmerksam.

Zeit der Abfassung (wohl 1063) vgl. Tempt. 2 (col. 55 A) Cum . . . ad Fuldense mona-sterium venirem . . . alium quoque libellum quem appellavi manualem pro admonitione cleri-corum et laicorum scriptum ibidem positus edidi. Zweck in der Vorrede (col. 243 C) Scriberemim gestio pro admonitione cunctorum fidelium . . . dividens eos in duas personas clericorumet laicorum assumensque ad hoc utrique personae congrua monita, per quae a carnalibusad spiritualia, ab visibUibus ad invisibilia possint animum suspendere. Handschrift: Monac.14490 s. XI f. 116. Ausgaben: Pez 3, 2, 403 (früher Bedae opera ed. Colon. 1612 t. 2,200) =Migne 146,243.

Vita Bonifatii. Da man in Fulda die alte von Willibald geschriebeneVita Bonifatii an manchen Stellen nicht mehr verstand, wandte sich AbtEgbert von Fulda an Papst Leo IX. mit der Bitte, das Leben des be-rühmten Stifters zu überarbeiten. Er sandte dem Papst zu diesem Zweckeeinige Bücher 2 ) und einen Schreiber, aber Leo IX. starb 1054, ohne dasWerk irgendwie gefördert zu haben. Als nun Otloh in Fulda weilte, erfuhrer diesen Sachverhalt durch einen Mönch, und die Brüder baten ihn, anStelle des Papstes die Biographie zu schreiben. Er ließ sich endlich dafürgewinnen und ging daran, den Stil des alten Werkes zu glätten, um dasVerständnis zu fördern. Im allgemeinen hat er an dem Original nicht vielgeändert, er hat es 3 ) ergänzt aus Eigils Vita Sturmi und aus der MainzerBiographie von Bonifaz und besonders aus einer großen Zahl von Stückenaus Bonifaz' Briefsammlung, die er in Fulda vorfand; 4 ) aber seine stilistischenÄnderungen sind gering genug, während er die Briefe es sind im ganzen29 Stücke vielfach unverändert aufnahm. Er teilte sein Werk in zwei

') Es handelt sich um 1059 bis 1063, vgl.Dümmler S. 1091 n. 5.

2 ) Man hat darunter wohl besonders dieBonifazbriefe zu verstehen; erläutert werdeusie von Otloh mit den Worten (Vitae Boni-fatii ed.W. Levison p. 111,20) unde pleniusad hoc instruieretür.

3 ) Das ihm zu Gebote stehende Exemplar

gehörte der bayerischen Klasse (4) der Hss.von Willibalds Werk an, vgl. W. Levison,Vitae s. Bonifatii p. LXIV n. 2.

4 ) Das Fuldaer Exemplar war der Karls-ruher Hs. der Bonifazbriefe sehr ähnlich, vgl.Levison a. a. O. p. LXVIII. Brief 20 hat Ot-loh allein erhalten.