Otloh von St. Emmeram.
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Erscheinen der Dialoge Gregors des Großen war die Darstellung von Visionenzu einer wirklichen Literaturgattung geworden, die teils dem Heiligenroman,teils der Selbstbiographie zuzurechnen ist. Man muß annehmen, daß Otloheine leicht erregbare Einbildungskraft besaß, die es ihm glaubhaft machte,daß er viele Ereignisse seines eignen Lebens wie solche aus dem Lebenandrer Personen durch ein Gesicht voraussah, und er mochte sich längstdarüber Aufzeichnungen gemacht haben, als er ans Werk ging. Er berichtet,daß er, um den Stoff zu sammeln, mehrfach Reisen unternahm und dabeiVisionen erkundete und daß noch viele Menschen lebten, die ihm die Kundezutrugen. Aber er begnügte sich damit nicht, sondern benutzte auch frühereWerke, wie er Kap. 20—22 aus Bedas Kirchengeschichte 1 ) entnahm undKap. 19 aus einem Briefe des Bonifatius 2 ) schöpfte. Er gibt im Prologean, daß er sich bezüglich des Zweckes ganz nach Gregor gerichtet habe,sein Werk solle erbauen und bessern. Denn wie er selbst früher solchenEingebungen nicht geglaubt, aber durch Gott auf den rechten Weg gelenktworden sei, so möge sein Werk zur Erbauung andrer beitragen. Die Ein-leitung zu der Schrift ist nur teilweise erhalten, desgleichen die erste Vision,es scheint aber, daß dies erste Stück sein frühestes Gesicht darstellt. Auchdie nächsten Stücke betreffen eigne Erlebnisse und sind daher für seineBiographie wichtig. Aber er scheint die chronologische Folge hier verlassenzu haben, da Kap. 4 frühestens 1052 fällt 8 ) und Kap. 5 aus seiner Jugend-zeit in Hersfeld berichtet, Kap. 6 von seinem Aufenthalt in Würzburgerzählt. Die folgenden drei Stücke erzählen fremde Visionen und mit Kap. 10setzen Berichte aus St. Emmeram ein. Alle weiteren Abschnitte stammenaus verschiedenen Orten und Zeiten. Am wertvollsten sind natürlich Otlohseigne Erlebnisse, die meist sehr lebendig und eindrucksvoll geschildertwerden, was übrigens auch von anderen Stücken gilt. Die Sprache ist ein-fach und ungesucht und ohne den üblichen Schwulst.
Zur Entstehung des Werkes vgl. Tempt. 2 (col. 53 B C). Daß der Liber visionum diedritte Schrift Otlohs war, von ihm aber an die zweite Stelle gerückt wurde, ergeben dieWorte Tempt. 2 (53 A) de secundi ordine Ubelli tarn vero siibiungere volo und (53 C) Incitabarctiam ex hoc ad scribendum, quia cum olim libellos duos ediderem, tertium pro s. trinitatishonore . . . saepius optavi addere, sowie (col. 52 C) Librum vero visionum licet post duosscripserim, in ordine tarnen secundum ideo posui ... Zu den Reisen daselbst (53 (J) visionesvidehcet, quas et ego quondam vidi et ab aliis per loca diversa profectus audivi. Viele seinerBerichterstatter sind noch am Leben, vgl. Prol. (col. 342B) nam multi adhuc in vita restant,ex qiiorum relatione ipsa comperi. Seine Richtschnur ist Gregor, vgl. Prol. (342 B) maximetarnen in libro quarto dialogorum a b. Gregorio prolata. Cuius etiam intentionem in hocopusculo imitatus. Sein früherer Unglaube (343 B) Confiteor namque peccatum meum, quianemo plus me super huiusmodi monitis dubitavit. Die Disposition des Buches wird im Prologschon angedeutet, vgl. (col. 342B) Ea vero quae de memetipso proferre studeo, quaeque etiampro introductione sequentium in primis dicere volo. Die Visionen selbst sind alle moralischenInhalts, einige richten sich gegen äußeren Prunk bei Laien wie bei Geistlichen, wie Kap. 17noch die Kaiserin Theophanu erscheint, oder in Kap. 4 der Hildesheimer Klerus unter denFolgen dieser Ueppigkeit leidet. Aber auch andre hohe Persönlichkeiten werden leidendvorgeführt, um als abschreckende Beispiele zu dienen. Handschrift: Monac. 14 673 s. XI f. 1—47.Ausgaben: Pez 3, 2, 545 = Migne 146, 342. Zum Inhalt vgl. Dümmler a. a. 0. S. 1089 ff.
') Nämlich aus Buch 4.12-14.
2 ) Nämlich ausEp.10 (MG. Ep. 3,252 ff.).Die Bonifazbriefe standen ihm natürlich inFulda leicht zu Gebote, wie er sie auch für
die Biographie des Heiligen benutzte.
3 ) Migne 146,353D Antedecenniumagenteme decaniam in monasterio nostro.