84 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.
weihe in einer Landpfarre aufgehalten zu haben, wo er in einer Vision zuhören glaubte, daß ihm Gott wegen seines schönen Gesanges das Himmel-reich versprach, während er in einer andern Vision heftigen Tadel seinerAmtsbrüder durch Gott wegen ihres bäurischen Gesanges vernahm. Aberer verfeindete sich hier völlig mit dem Erzpriester Werinhar, dem Propstein Freising, den er in einem scharfen Gedichte heftig angriff und dannvon neuem gegen sich aufbrachte. So erschien ihm der Weggang aus demFreisinger Sprengel begehrenswert und er wandte sich nach Regensburg, woer im Kloster des hl. Emmeram nicht nur gebildeteren Umgang, sondern aucheine reiche Bibliothek erhoffte. Abt Burchard nahm ihn auch als Gastauf und hier war es, wo er sein früheres Gelübde zur Tat werden ließ.Nach seinem eignen Geständnis war er bis dahin besonders der Lektüreder Klassiker ergeben und als er zu St. Emmeram einst vor der Tür desHospizes den Lucan las, zu dem er sich ganz besonders hingezogen fühlte,wurde er infolge eines heißen Windes krank. Er setzte aber trotzdem dieLektüre Lucans fort und hatte eine Woche später in der Nacht eine furcht-bare Vision, so daß er am nächsten Morgen glaubte, daß sein Gewand undsein Bett von Blut triefe, obwohl er mit einem Ausschlag am Rückendavonkam. Während er davon genas, riet man ihm, ins Kloster einzutreten,und er hatte auch den Willen dazu, aber er beschloß doch, in die Weltzurückzukehren, und er war nur noch nicht mit sich einig, wohin er sichvon Regensburg aus wenden solle, als er einen neuen und wesentlich ver-stärkten Anfall der Krankheit bekam. Nun war er davon überzeugt, daßGott seinen Eintritt ins Kloster wolle, und er bat daher die Brüder vonSt. Emmeram um Aufnahme. Sie ließen sich endlich nach vielen Gegen-vorstellungen bereit finden, ihm im Falle der Gesundung die Aufnahmezu gewähren. Das geschah auch nach kurzer Zeit und er trat nun imJahre 1032 als Mönch in St. Emmeram ein. Hier wußte man seine Gelehr-samkeit bald zu schätzen, und obwohl er das nötige Alter nicht besaß,wurde er zum Amt des Schulmeisters berufen. Freilich seine Beschäftigungmit der klassischen Literatur kam ihm jetzt unchristlich vor und er wandtesich immer mehr zur Lektüre der heiligen Schriften. Allerdings hatte ernun Versuchungen aller Art zu bestehen und sein aufgeregter Gemüts-zustand ließ ihn lange Gespräche mit Gott führen. Um auch andre andiesen inneren Erlebnissen teilnehmen zu lassen, verfaßte er später nichtnur ein Buch über seine Versuchungen, sondern er zeichnete auch seineVisionen genau auf und gab in beiden Werken über seine seelischen Zu-stände dieser früheren Jahre genaue Rechenschaft. Er zeigt hier seinbesonders fein organisiertes Gemüt und offenbart sich als eine sehr sensitiveNatur. Er fand unter den hochgebildeten Mönchen des Klosters mehrfachgeistig Mitstrebende. So den Propst Arnold, der in den auf den EintrittOtlohs folgenden Jahren seine berühmten Geschichten über den hl. Emmeramzusammenstellte, die von Otloh später für seine Biographie des hl. Wolf-gang benutzt wurden. Enge Beziehungen unterhielt er mit dem MönchWilhelm, der später im Jahre 1069 zum Abt von Hirschau berufen wurde.Er begleitete ihn einst auf einer Reise und schenkte ihm vier Bücher, dieer geschrieben, darunter ein sehr wertvolles Meßbuch; Wilhelm scheint