82 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.
Anhang.Das Erziehungsbuch für König Stephans Sohn Emerich.
Ich lasse im Anhang zu Gerard die kleine Schrift folgen, die fälsch-licherweise unter dem Namen des Königs Stephan geht und Gerard unrichtigbeigelegt ist. Diese Schrift, die lateinisch geschrieben ist und durch ihrenganzen Inhalt klerikale Autorschaft verrät, hat ein Geistlicher im Namendes Königs verfaßt. Es ist kaum zu bezweifeln, daß es ein Bischof war, dadiese Herren dem Könige zunächst standen, und da man in der Vita Gerardi 9liest, daß Gerard von Czanäd längere Zeit Erzieher Emerichs war. so konntesich die Meinung befestigen, daß er das Schriftchen verfaßt hat, in demder König zu seinem Sohne spricht. Aber wie schon oben erwähnt wurde,die Sprache dieses Erziehungsbuches ist von der Gerards so verschieden,daß er als Verfasser auszuscheiden hat. Im Vorwort spricht der König überdie Notwendigkeit der Belehrung des Sohnes: Da alle Gewalten dieser Erdenach göttlichem und menschlichem Rechte geleitet würden und danach ihrenUntergebenen Unterweisung zukommen ließen, so halte er es für richtig,seinem Sohne Ratschläge zu erteilen, um dereinst, wenn er zum Thronegelangt sei, sein und seiner Untertanen Leben sittlich hoch zu bringen.Der Sohn aber solle sich nach seinen Ermahnungen richten, wie schonSaloiiio es angeraten habe; wenn er das nicht tue, werde es ihm gehenwie Adam und dem jüdischen Volke, und er möge an das Schicksal Absalomsdenken, der dem Vater ungehorsam war. Der Sohn sei noch unerfahrenin den Anstrengungen des Krieges, in denen er fast sein ganzes Leben zu-gebracht habe, und die Zeit sei da, wo er nicht mehr der bequemen Ruhepflegen dürfe, sondern das rauhe Leben kennen lernen müsse. Das Schrift-chen selbst ist, wohl entsprechend dem Dekalog, in zehn Kapitel eingeteilt.An erster Stelle wird dem Sohn die Bewahrung des rechten Glaubens ansHerz gelegt, damit er nicht in Ketzerei falle. Hieran schließt sich dasGebot, die Kirche zu ehren, die in Ungarn als jung und neu besonderenSchutzes bedürfe. Ferner solle der Sohn die Priester ehren, da sie dieZierde des königlichen Thrones seien und deren Wohlwollen ein Schutzvor allen Gegnern sei. Dann solle er die Fürsten und Vasallen des Reichesso halten, daß sie ihm wohl Untertan, aber nicht seine Knechte seien, denndadurch bewahre er dem Reiche den Frieden. An fünfter Stelle wird demSohn geraten, Recht und Gesetz herrschen zu lassen und Langmut undMilde zu üben. Ferner legt ihm der König ans Herz, Gastfreunde undFremde aufzunehmen und zu pflegen, denn dadurch sei das römischeImperium groß geworden, indem viele edle und weise Männer dahin ge-kommen seien; ein Reich, dessen Bewohner nur eine einzige Spracheredeten und bei dem nur eine und dieselbe Sitte gelte, sei schwach undunbeständig. Ferner solle der Sohn den Rat älterer und erfahrenerMänner hochschätzen, denn nur durch klugen Rat werde in einem Reichealles geordnet. Dann wird ihm geraten, das Beispiel der Vorfahren nach-zuahmen und dem Beispiel der Eltern zu folgen. Zu alledem sei aber in-ständiges und demütiges Gebet notwendig, wie die Alten es schon getan