Ratherius von Lüttich. 49
968 0 in die Heimat zurück. Obwohl er aber große Massen von Gold undSilber mitbrachte und dem Kloster reiche Geschenke zukommen ließ, ver-feindete er sich doch bald mit dem Abte, der ihm dann mit Zustimmungder Brüder einige kleine Abteien und Ortschaften überwies. Sein Strebenschien aber trotz seines Alters auf Größeres zu gehen, denn er kaufte als-bald von König Lothar von Westfranken die erledigte Abtei zu St. Amand,wo ihn allerdings die Mönche schon am zweiten Tage verjagten. VomKloster Aulne aus, das ihm der Bischof Ebrachar geschenkt hatte, erwarber dann die Abtei Haumont um großen Kaufpreis; aber auch hier hielt esihn nicht und er kaufte die Kirche des hl. Dionysius bei Mons, ohne jedochseine Absichten auf Lobbes aufzugeben, wo er Folcuin zu vertreiben be-absichtigte. Das gelang ihm auch endlich im Jahre 970 und Rather be-mächtigte sich des Klosters, das er für den Fall eines Angriffs nun starkbefestigen ließ. Um die mächtige Verwandtschaft Folcuins in Schach zuhalten, erkaufte er mit dem Rest seiner Schätze die bewaffnete Hilfemehrerer benachbarter Fürsten. Als aber sein Gönner Ebrachar im Jahre971 starb und Notker zum Nachfolger erhielt, war es dessen erste Sorge,dieser schmählichen Sache ein Ende zu machen: mit Unterstützung mehrererÄbte untersuchte er die Ursachen des Zwiespalts und entschied dann, daßRather zu weichen und Folcuin zurückzukehren habe. So zog sich Ratherwieder nach Aulne zurück, wo er sich schließlich mit Folcuin aussöhnte.Als er sich aber während der in Lothringen nach dem Tode Ottos I. ent-standenen Wirren in Namur aufhielt, ist er im Jahre 974 gestorben. 2 ) Mitihm schied ein Mann von der Bühne des Lebens, der zu den seltenstenErscheinungen der Zeit gehörte: geistreich, klug und beredt, ungewöhnlichbelesen und unterrichtet, aber fried- und ruhelos bis in sein höchstes Alter,stets bissig und ironisch gegen andere und gegen sich 'selbst konnte eres nicht über sich gewinnen, dauernd in irgendeinem Wirkungskreise zuleben. Alles in allem war er eine wenig sympathische Erscheinung alsMensch, dagegen als Schriftsteller ganz ungewöhnlich begabt, weil er voneinzig subjektiver Veranlagung gewesen ist.
Zeugnisse. Zum Geburtsland vgl. den Brief Ebiachars von Lüttich (Ep. 14. Migne 136,688B) Nativa vobis supplex tendit manus patria et ut redeatis invitat. Zum Geburtsjahrvgl. Dial. confess. 21 (col. 410 C) Septuagenarius iam quid eram acturus und 31 (col. 424 A)scribentem me septuagenarium pene sentis tiiillari; da diese Schrift 957 (oder 958) verfaßtist (vgl. Vogel 2,132 ff. 197 f. Hauck 3, 287 n. 3), so ergibt sich ungefähr das Jahr 887. DasVersprechen im Kloster zu bleiben Dial. confess. 11 col. 399 C. Der Katalog von Lobbes istgedruckt Revue des bibliotheques 1,4—14.
Zur Belesenheit Rathers. Vogel (1,26) gibt eine Zusammenstellung der vonRather benutzten Autoren, die von Hauck 3,285 f. erweitert wurde. Als Vervollständigunghierfür diene folgendes. Von Cicero kennt Rather sicher De inventione, pro Marcello undpro Milone. Die Definition der Haupttugenden Praeloquia 3,25 col. 222 A nämlich stammtaus De invent. 2, 53, 160 und 54, 164. 163. Die Rede pro Marcello muß in Lüttich oderUmgegend aufbewahrt worden sein, denn Rather gibt Prael.4,18 (col. 266 A) die Anführungaus Kap. 3 Animum vincere — simillimum deo iudico; und aus Kap. 2 gibt Ebrachar in seinemBriefe an Rather ein Zitat (Ep. 14,2 col. 688 A) Tulliana vox sonat, tuba Ciceroniana intonatinullius tantum fliimen est ingenü — virtutum laudes possit enarrare. Eine ältere Anführungaus dieser Rede ist mir nicht bekannt und es gibt auch keine ältere Ueberlieferung, wenn man
J ) Vgl. Vogel 1,421-424.2 ) Die Nachrichten über Rathers Rück-kehr nach Lobbes bis zu seinem Tode stehen
allein bei Folcuin Gesta abb. Lobiensium 28(MG. SS. 4, 69, 30—70, 23).
Manitius, Lateinische Literatur dea Mittelalters. II.