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Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.
in kräftigster Weise mit seinen Gegnern auseinander, indem er möglichsthistorisch zu Werke geht, die gegen ihn ausgestreuten Anschuldigungenärgster Art scharf und ironisch zurückweist und in äußerst spöttischemTone die päpstliche Verordnung angreift, die man gegen ihn ausgewirkthatte. Seine Stellung war unhaltbar geworden, und die weltliche Gewaltin der Person Nannos und des Vicegrafen Giselbert 1 ) nahm jetzt mit allerEntschiedenheit gegen ihn Stand. Noch nahm er zwischen Ostern undPfingsten 968 mehrfach Gelegenheit, in Predigten auf seine bedrängte Lageund auf die bedenklichen Mittel hinzuweisen, die seine Feinde im Kampfegegen ihn gebrauchten, und außerdem schrieb er einen Brief 2 ) an dieKaiserin Adelheid und bat sie darin, ihn wenigstens noch so lange zu halten,bis er die Marienkirche in Verona völlig erneuert habe, denn dann wolleer sich in die Stille seines Klosters zurückziehen. Und als er erfahrenhatte, daß Graf Nanno mit dem Gericht gegen ihn betraut worden sei,richtete er an diesen ein Schreiben, 3 ) in dem er von seiner Gesinnunggegen ihn kein Hehl machte: Tausendmal mehr fürchte er ihn als denKaiser, den er immer noch liebe, während er ihn nur fürchten könne. 4 )Am 30. Juni 968 wurde nun über den hochbetagten Bischof Gericht gehalten,wobei Graf Nanno den Vorsitz führte. Rather wurde der gegen ihn vor-gebrachten Anklagen für schuldig befunden, sein Judicatum wurde kassiertund seine Gerichtsbarkeit für nichtig erklärt. Er selbst hat die ganze Ver-handlung dargestellt und zwar in einem Briefe, 5 ) den er kurz nach jenemTage an den Kanzler Ambrosius in der Hoffnung schrieb, der Kaiser werdesich seiner noch einmal annehmen. Der Brief strömt über von Klagengegen seine Feinde, deren Vergehen dem Kanzler eindringlich vorgehaltenwerden; denn auf Ambrosius hatte Rather die letzte Hoffnung 6 ) gesetzt.Aber die Hilfe sollte ausbleiben und Rather erwog nun ernstlich denRückzug aus der ihm so feindseligen Stadt. Wie er es bisher bei wichtigenEntscheidungen stets getan, so schrieb er auch jetzt seine Gedanken überden Kampf in seinem Innern nieder, den ihm der Entschluß, aus Veronazu scheiden, gekostet hatte; er sandte das Buch, dem er den Titel Con-flictus duorum gab, 7 ) an den Abt Folcuin von Lobbes mit einem Briefe,in dem er um Pferde und um Geleit nach der Heimat bat. Zugleich aberschrieb er an Bischof Ebrachar (Everaclus) von Lüttich, um ihm seineRückkehr anzuzeigen und ihm ein Geschenk von Balsam zu übersenden.Noch bevor aber Ebrachar Brief und Geschenk erhielt, wußte er von RathersSendung und er beeilte sich, dem Zurückkehrenden einen Brief voll vonaußerordentlichen Lobeserhebungen zuzuschicken, in dem er dem einstigenLehrer mit Anführungen aus Terenz, Persius und Cicero zu imponierensuchte. 8 ) Folcuin sandte Pferde und Geleit und so kehrte Rather im Herbst
') Sermo 6 col. 726 C corruptis quoquc pc-cunia duabus patriae dominantibus.
2 ) Ep. 13 col. 686.
3 ) Ep. 11 col. 676—679.
4 ) Ep. 11,2 col. 678 A Mitties enim vosmagis formido quam ipsum . . . illum diligo,vos timeo.
5 ) Ep. 12 col. 679-686.
6 ) Ep. 12, 5 col. 658 B Si valeatis et nonmihi succurritis, ipsi tne interficitis.
') Das Buch ist verloren, wir wissen davonnur aus Folcuins Gesta abb. Lob. 28 (MG.SS. 4, 69, 32 f.
3 ) Rathers Brief ist verloren. EbracharsSchreiben ist Ep. 14 (Migne 136, 687 f.).