Druckschrift 
2 (1923) Von der Mitte des zehnten Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Kampfes zwischen Kirche und Staat : mit Index
Entstehung
Seite
43
Einzelbild herunterladen
 

Ratherius von Lüttich.

43

um die Darstellung eindringlicher und lebhafter zu machen; freilich findenwir mehr ein Selbstgespräch als einen wirklichen Dialog. Die Beichte istvon einer außerordentlichen Art, denn Rather zwingt sich, in seinem ge-samten inneren und äußeren Leben Umschau zu halten und fördert seinegeheimsten Regungen und Neigungen ans Tageslicht, die einen strafbarenCharakter tragen. Die einmal angeregte Gedankenreihe verfolgt er bis inihre äußersten Konsequenzen und indem er von der vorgeschriebenenSchablone der Beichtbüeher abwich und sein ganzes Innere schonungslosaufdeckte, erscheint er in diesem Werke fast mehr denn in anderen alseine durchaus individuelle Natur. Ohne Zweifel ist Rather hier mehr vomAugenblick abhängig als anderswo, er vermeidet jedes Schema und verteiltseine Schrift auf verschiedene Stimmungen, die sich aus den sechs Ab-sätzen ergeben. Am Ende des sechsten Abschnitts läßt er sich RadbertsWerk De corpore et sanguine domini empfehlen und erwähnt einen von ihmkapitelweise angefertigten Auszug dieser Schrift. Dieser Auszug aber er-streckt sich auf das ganze Werk, das Rather also für sich abgeschriebenhat und außerdem noch mit einem auf die Beichte bezüglichen Anhangversah. So wird die Beichte Rathers in Verbindung mit Radberts berühmtemWerke in dem alten Katalog von Lobbes erwähnt. 1 ) Dies ist aber der Grund,weshalb Radberts Schrift später mehrfach dem Rather beigelegt wurde,und das war um so eher möglich, als dieser einen Brief über den Leib unddas Blut des Herrn an den Mönch Patricus 2 ) schrieb und seine eigne Ab-schrift des Radbertschen Werkes in 99 Kapitel einteilte. Als nun Otto derGroße 961 wieder in Italien erschien, wurde Rather besonders auf BrunsBetreiben zum drittenmal als Bischof in Verona eingesetzt. 3 ) Freilich Ruhefand er hier nicht, denn nachdem am 27. Januar 962 aus der Kirche deshl. Vitalis der Leib des hl. Metro gestohlen worden war, gab man die Schuldan diesem Vorgange Rather und dieser rechtfertigte sich in einer eigenenSchrift über den hl. Metro, in deren Titel er von sich selbst die Worte ge-braucht, die Orosius spottend von Attalus gesagt hatte. 4 ) Die Schrift isteine sehr verhüllte Verteidigung, sie enthält mehr eine Anklage gegen dieVeronesen, daß sie diesen Schatz nicht längst besungen hätten, und danneine höchst emphatisch gehaltene Lebensbeschreibung des Heiligen, die sichaber nicht auf schriftliche Quellen, sondern auf die volkstümliche Über-lieferung stützt. 5 ) Die ganze Darstellung ist gewunden und unfrei und manerkennt, daß ßather gar nicht imstande war, den Vorwurf zu entkräften;vielleicht hat sich in der Schrift ein Fragment aus einer verlornen Veri-fikation des alten Testaments erhalten. 6 )

Doch wußte sich Rather zunächst mit seiner Gemeinde zu stellen, indemer eine Anzahl Predigten, die er jetzt 963 als Bischof hielt, aufzuzeichnen

) Revue des bibliotheques 1.12N. 127.

2 ) Ep. 1 col. 643648. Ueber Patricus undden im Briefe erwähnten Konrad Vogelglaubt, daß Gerhardus zu lesen istsowie überdas Kloster Hornud vgl. Vogel 2,135146.

*) Vgl. Ruotgeri Vita Brunonis 38 (MG. SS.4, 270).

4 ) Orosii hist. 7,42,7; vgl. Migne 136,

451 infelicissimi Attali ritu facti infecti re-fecti defecti.

") Vgl. c. 5 (Migne 136, 458A).

6 ) Nämlich am Schluß von Kap. 2 col. 454 B.Die drei Verse beziehen sich auf Jos. 15,15 f.und stehen nicht bei Cyprianus Gallus, wosie Jesu Nave 443447 (ed. Peiper p. 173)entsprechen.'