Druckschrift 
2 (1923) Von der Mitte des zehnten Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Kampfes zwischen Kirche und Staat : mit Index
Entstehung
Seite
41
Einzelbild herunterladen
 

Eatherius von Lüttich.

41

haupt absah. 1 ) Wahrscheinlich ging er nun nach Lobbes. wo er seit demEnde des Jahres 951 bis vor Mitte 952 wieder als Mönch weilte. 2 ) Hierhat er den Praeloquia die letzte Gestalt gegeben und sie wohl damals anFlodoard nach Reims gesandt.

Bndlich wurde man am deutschen Hofe auf ihn aufmerksam und erwurde 952 an die Hofschule berufen, wobei es Otto besonders auf dieVollendung des Unterrichts seines Jüngern Bruders Brun abgesehen zu habenscheint. Hier nahm er unter den Gelehrten bald eine bevorzugte Stellungein, und der Dank des Königs blieb nicht lange aus: nachdem Brun am25. September zum Erzbischof von Köln geweiht worden war, wurde Rathernoch an demselben Tage zum Bischof von Lüttich erhoben. 3 ) Das war be-sonders durch das Zutun Bruns geschehen, der an dem gelehrten Kennerdes Kirchenrechts und des Altertums jedenfalls eine starke Stütze erhoffte.Aber Rather war nicht der Mann, der sich mit den ihm bald erwachsendenFeinden hätte gut stellen können. Seine scharfe Rücksichtslosigkeit machteihn den Großen des Landes bald verhaßt und Graf Raginar von Hennegausetzte es durch, daß sein Neffe Balderich zu Ostern 955 als Bischof vonLüttich geweicht wurde, und zwar mit Bewilligung Brunos, der an RaginarsFamilie seine stärkste Stütze als Herzog und Erzbischof suchen mußte.Rather protestierte hiergegen in einer kurzen Schrift Conclusip delibera-tiva oder dem wohlerwogenen Schluß, in der er in vierzig Sätzen undKapiteln seine Erwägungen niederlegt, die ihn zum Widerstand gegen dasVerfahren seiner Gegner bewogen. In dieser Not fand er an dem jungenErzbischof Wilhelm von Mainz, dem Sohne Ottos des Großen, einen uneigen-nützigen Helfer. Wilhelm, der wohl auch seinen Unterricht einst genossenhatte, gewährte ihm in Mainz reichlichen Unterhalt. Hier griff nun Ratherauf seine frühere Schriftstellern zurück und legte eine neue Sammlungkleinerer, inzwischen von ihm verfaßter Schriften an, wie er es einst inseinen Praeloquia getan.

Er stellte nämlich zwanzig seiner kleineren Schriften zusammen undverteilte sie auf zwölf Bücher, 4 ) die er mit einer gemeinsamen größerenVorrede versah, wo er sich über die Ziele, den Zweck und die Einteilungder Sammlung ausspricht. Zum Titel des ersten Buches und des gesamtenWerkes wählte er das Wort Phrenesis oder Wahnwitz. Seine Feinde hattennämlich gehört, daß er sich in Mainz wieder seiner alten Lieblingsbeschäfti-gung, dem Schreiben, hingab und hatten ihn aus diesem Grunde wahnwitziggenannt, 5 ) da er in dieser eisernen Zeit lieber zur Feder als zum Schwertegriff. 6 ) In der Vorrede gibt er erst eine eingehende Darstellung von seinerErhebung zum Bischof von Lüttich und von seiner Anfeindung durch Bischof

') So hat er in dem Briefe an den Papstdessen Namen überhaupt verschwiegen, vgl.Vogel 2,161. 1,148 ff.

2 ) Vgl. hierzu Vogel 1, 150 ff.

3 ) Vgl. das Prooemium 1 zur Phrenesis(Migne 136, 366 f.), wo Rather über seine Er-hebung ausführlich spricht. Vgl. außerdemFolcuini gesta abb. Lobiens. 23 (MG. SS. 4,64, 36 ff.

4 ) Phrenesis prooem. 7 (Migne 136,374 A)Potuerant caeterum dici fore . . . viginti,sed ... curtati in duodecim et coarctati.

5 ) Phrenesis prooem. 1 (Migne 136, 368)data otii occasione cwavit, quae circa cumacta fuerant, in libros digerere . . . Utique hocaudientes duo Uli eins specialius inimici . . .dixerunt eum phreneticum esse.

6 ) Phren. prooem. 2 col. 368 A.