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Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.
wahrheitsliebenden Historikers wie Folcuin zu mißtrauen. Auf seiner Heim-reise kam Rather 944 nach Laon und hier bat man ihn, die Abtswürde inSt. Amand zu übernehmen; doch er schlug diese vornehme Stellung aus 1 )und wurde in Lobbes von Abt Richar freundlich wieder aufgenommen.
Inzwischen aber hatte sich die Stellung König Hugos in Italien völliggeändert und die Verhältnisse erregten in ihm den Wunsch, Rather nachVerona zurückzuberufen, um den ihm feindlich gesinnten Bischof Manasseszu verdrängen. Rather kam auch wirklich 946 in Italien an, aber er warwährend der zweijährigen Dauer seiner neuen bischöflichen Stellung nur einSpielball in der Hand der Mächtigen, wie sein an den Papst geschriebenerBrief in stark ironischer und satirischer Weise berichtet. Schließlich forderteihn König Lothar auf, sein Bistum zugunsten des Manasses wieder zu ver-lassen, und Rather gehorchte, da er um seine persönliche Sicherheit besorgtsein mußte. 2 ) Jetzt folgte in seinem Leben jedenfalls eine sehr unruhige Zeitund er scheint weit umhergewandert zu sein, 3 ) bis er seine Dienste demHerzog Liudolf von Schwaben anbot, der im Jahre 951 nach König LotharsTode ohne Vorwissen seines Vaters Otto einen Gewaltstreich gegen Italien zuführen gedachte. Das schlug allerdings fehl und Liudolf war genötigt, sichdem Vater in der Nähe der deutschen Grenze zu stellen. In seinem Ge-folge befand sich Rather, der sich von neuem Hoffnung auf sein altes Bistumgemacht hatte. Hier war aber die Lage seit kurzer Zeit völlig geändertworden, da der mächtige Graf Milo von Verona den Erzbischof Manassesbewogen hatte, auf das Bistum Verona zugunsten des gleichnamigen NeffenMilos zu verzichten. So mußte Rather unverrichteter Sache zurückkehren.Und zwar wünschte er wieder ins Kloster Lobbes einzutreten, doch auchdiese Absicht wurde durchkreuzt. Denn als er durch Deutschland zog, hörteer von allerhand Verdächtigungen, die man gegen ihn ausgestreut hatte,und da beschloß er, sich in einem ausführlichen Briefe an den PapstAgapetus II. zu wenden. Hier berichtet er nun sein Unglück von Anfangan und bittet schließlich den Papst, ein Machtwort zu sprechen, denn ermöchte wissen, ob er wirklich noch Bischof sei oder nicht. Der Brief istein Meisterstück, eindringlich und beredt und mit ernstem Hinweis auf dieUnbill der Zeiten wie auf die gebietende Stellung des Papstes. Zugleichaber schrieb er einen zweiten Brief 4 ) an alle Gläubigen, denen er kurz vonseinem Unheil berichtet und auseinandersetzt, daß er jetzt auf ihre Unter-stützung angewiesen sei. Damit ihm aber von jeder Seite die nötige Hilfezuteil werde, richtete er ein drittes Schreiben (Ep. 7) an sämtliche BischöfeItaliens, Galliens und Germaniens und beruft sich hierin, nachdem er dieVerhältnisse in kurzem klargelegt, auf ein Konzil, auf dem seine Sache zumAustrag kommen müsse. Freilich lagen die Dinge nicht so, daß Rathersich wirklich Hoffnung auf tatkräftige Unterstützung machen konnte, undes ist wahrscheinlich, daß er von der Veröffentlichung dieser Briefe über-
a ) Praeloquia 5, 33 col. 315 B—316 B. DieStelle ist später eiDgefügt worden und unsreUeberlieferung geht also nicht auf die ur-sprüngliche Gestalt des Werkes zurück.
2 ) Vgl. hierzu den Brief an Agapet II.Epist.5,5—7 (Migne 136,659 ff.).
3 ) Vgl. Vogel 1,130 f.
4 ) Es ist Ep. 6, Migne 136, 665 - 668.