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2 (1923) Von der Mitte des zehnten Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Kampfes zwischen Kirche und Staat : mit Index
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38 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.

Bischöfe. Rafcher nennt den Herrscher, unter dem er Hugo verstandenwissen will, nicht, vielmehr bezeichnet er ihn in der Vorrede zum drittenBuche 1 ) mit dem Wort citharoedus und läßt dadurch gleich anfangs seine Stel-lung ihm gegenüber erkennen. Der Ton Rathers ist hier nicht nur der desGeistlichen, sondern er zeugt von denkwürdiger Freiheit, die allerdings auchin Gehässigkeit und Gereiztheit ausartet. Und der Verfasser weiß das auchrecht gut, denn er hielt sich ja stets unter stärkster Selbstkontrolle undKritik; so spricht er im Kapitel 24 des vierten Buches 2 ) mit einem gewissenHohne:Nun wohlan, mein bester Fürst, wer würde dir heute solches insGesicht zu sagen wagen? Wenn ich es aber gewagt hätte, du würdest michfür verrückt erklären und die Schimpfreden deiner Trinkkumpane gegenmich würden alles Maß übersteigen." Das fünfte Buch ist insofern wiederstark persönlich, als sich Rather hier gegen das ungeistliche Leben derBischöfe wendet und ihnen kräftig den Text liest. Unterbrochen wird dieserheftige Angriff in Kapitel 12 durch die Aufschrift eines Briefes an die Erz-bischöfe Wido und Sobbo, wie auch 3,25 ff. ein längerer Brief an den DiakonUrso von Verona eingeschaltet ist; diesen aber hat Rather erst von seinemspäteren Verbannungsort 3 ) Como geschrieben und er ist daher wie auchjene Briefaufschrift erst später von Rather in das Werk gestellt worden.Mit jener Aufschrift aber werden wir uns den weiteren Schicksalen desMannes nähern. Im sechsten Buche wendet sich Rather wieder an die Ge-samtheit und kehrt also zum anfänglichen Ziele seines Werkes zurück. Erspendet einem jeden geistlichen Trost und sucht ihn innerlich zu erwecken,je nachdem er ein Gerechter oder Sünder, ein Reuiger in der Gegenwartoder in der Zukunft, ein Gesunder oder Kranker, ein Weiser oder ein Tor,ein Kluger oder ein Einfältiger ist. Am Schlüsse kommt der Verfasser aufdas Werk selbst zu sprechen, indem er dessen Zusammensetzung aufweistund von dem Einflüsse seiner Person auf die ganze Arbeit spricht. Per-sönlich gefärbt aber ist in dem Werke alles und das Gefühl der eignenSchwäche, der eignen Verderbtheit zittert ebenso durch dasselbe hindurch,wie es auf der andern Seite aggressiv in hohem Maße ist. An Originalitätlassen die Praeloquia nichts zu wünschen übrig, und man kann ihnen indiesen Zeiten des Mittelalters darin nichts an die Seite stellen, am ehestenvielleicht noch den scharf gewürzten Stil eines Atto von Vercelli. Die Formfreilich ist ganz kunstlos, nicht einmal eine Hauptgliederung des Stoffes istinnegehalten. Wie dem Verfasser die Gedanken zuströmten, so hat er sieaufgezeichnet, nur daß die rhetorische Frage durchgehend zur Verwendungkommt, so daß beinahe der Eindruck eines fortgesetzten Dialogs hervor-gerufen wird. An Ebenmäßigkeit in der Darstellung und an Klarheit im Stilfehlt es fast ganz, hiergegen ist der Reichtum der Sprache 4 ) hervorzuheben,der allerdings auf sorgfältigem Studium der Bibel und der Väter beruht.

') Migne 136,220A utcitharoeditaceamus theta und 1,36 col. 181C myrmicoleo. Das

personam . . . ut ordinati omittamus nomen. erste gehört der langobardischen Staatssprache

2 ) Migne 136,2750. an, wie auch 1,19 col. 163C gastaldus (Franci-

3 ) Vgl. 3, 24 col. 239 B Quorum uni ab loquo vero maior dicitur eloquio sive tlielo-exilio scripsit huiusmodi. nearius), 1, 23 col. 167 B scoldascio, 167 0 sag-

*) Seltene Worte sind 1,16 col. 161D loco- mio, i, 12 col. 259 C mundeburdis, 260 A wtffa.