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2 (1923) Von der Mitte des zehnten Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Kampfes zwischen Kirche und Staat : mit Index
Entstehung
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Ratherius von Lüttich. 37

er hierin alle Vertreter der einzelnen Stände zum Wettkampf mit den imMenschen wohnenden Gebrechen und Lastern 1 ) aufruft. Das Werk ist ausder Einsamkeit geboren, die ein so regsamer und lebendiger Geist wie Rathernur ungemein schwer ertrug. Er wendet sich hier an alle Stände, über-haupt an alle Menschen als Berater und Helfer in jedem Gewissenskampfund Pflichtenstreit, als der allgemeine Prediger für alle Verhältnisse undLebenslagen. Das Buch besitzt daher ein großes kulturgeschichtliches Interesseund man kann es wohl eine Art Weltspiegel nennen. 2 ) Aber auch ein nichtgeringes psychologisches Interesse haftet ihm an, da Rather hier vielleichtsich freier äußerte als selbst in deu Predigten, die er hielt, und weil ervieles von dem reichen Inhalt sich selbst auf den Leib schrieb; denn sopersönlich und so unmittelbar wirkend, so ganz aus dem Innersten heraus-gehend ist kein Schriftsteller des Mittelalters vor ihm aufgetreten, er hatnicht wenig von dem modernen Subjektivismus. Der Kern des Werkes ent-spricht allerdings der Zeit, es handelt sich um geistliche Belehrung. Aberwas wird unter Umständen in Rathers Händen aus einem Bibelspruch!Gewiß, die Bibel hat an Heiligkeit bei ihm nichts eingebüßt, aber mit derdurchdringenden Schärfe des Philosophen 3 ) verfolgt er ihre Gedanken bisin die allerletzten Konsequenzen, so daß es den Anschein hat, als wolle ersich über vieles hinwegsetzen, was in der hl. Schrift steht. 4 ) Sicher hat erhier sich und vielleicht auch andern die Augen öffnen wollen, nämlich zu-nächst sieht das Werk aus, als habe er es nur für sich geschrieben. Daherdie viele Selbstironie, die häufige Zerfaserung seines eigenen Ich, die merk-würdige Zersetzung der eignen Gedanken und Taten. Bei ihm mischt sichalles aus Ernst und Ironie, aus Gewißheit und Zweifel. So offenbart ersich, wie Hauck 5 ) richtig sagt, als ein Genie der Reflexion, in ihm ist dieSensibilität des Seelenlebens in höchstem Maße ausgebildet. Die Reich-haltigkeit des Inhalts der Praeloquia mag durch das Nennen der Personenangedeutet werden, an die Rather im ersten Buche seinen Weckruf gerichtethat. Da ist es zuerst der Christ im allgemeinen, der Soldat, der Künstler,der Arzt, 6 ) der Kaufmann, der Anwalt, der Richter, der Zeuge, der Beamte,der Adlige, der Vasall, der Ratgeber, der Herr, der Sklave, der Lehrer, derSchüler, der Reiche, der wenig Bemittelte, der Bettler. Das zweite Buchwendet sich an die Menschen nach ihren Geschlechts-, Verwandtschafts-und Altersverhältnissen und besitzt eine in hohem Stile geschriebene, zu-weilen den Psalmen ähnliche Vorrede, die sich an Gott richtet. Hier gehtRather mehr als früher auf persönliche und individuelle Verhältnisse ein undbelauscht den Menschen mehr in seinem privaten als im öffentlichen Leben.Die beiden nächsten Bücher sind ein Königsspiegel und handeln von denPflichten des Herrschers gegen seine Untertanen, besonders gegen die

') Vgl. 6,26, Migne 136, 343 A.

2 ) Vgl. das günstige Urteil bei Liutprand'von Cremona Antapod. 3,52 (ed. Dümmlei 1p. 77), wo erzählt wird, daß Rather das Werkin Pavia geschrieben habe.

3 ) Vgl.z.B.hierzu 1,33, Migne 136,179AB.

4 ) Auch anfigürlicher Auffassung der Bibel

fehlt es nicht, vgl. 2,9, Migne 136,197 A. | holfen hatte.

6 ) Bd. 3,288.

6 ) Hier bringt er 1,7 (Migne 136,1520)ein Heilmittel gegen die Blattern und weisteinen superstitiösen Gebrauch zurück. Hin-gegen führt er 1, 24 col. 168 f. ein völlig aber-gläubisches Mittel gegen Epilepsie an, das derTochter eines Vornehmen angeblich gut ge-