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2 (1923) Von der Mitte des zehnten Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Kampfes zwischen Kirche und Staat : mit Index
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36 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.

zusammen. Und wenn auch zuweilen die Farben dieses Bildes aus denSatiren des Persius erborgt sind, so wirkt es doch in seiner Gesamtheit alsaus der Wirklichkeit entnommen. Zugleich erkennt man aber gerade andiesem Abschnitt Rathers eigene Begabung für geistreiche pointierte Dar-stellung, seinen Hang zur Antithese und seine Vorliebe für ein gewissesHaschen nach Effekt. Es liegt ein eigentümlicher, prickelnder Reiz in seinenWorten. Diese Art zu schreiben hatte er nicht im Kloster erlernen können,sondern aus sich selbst nehmen müssen; allerdings mag seine genaue Kenntnisder römischen Satire 1 ) manches dazu beigetragen haben.

Im Jahre 931 starb nun der Erzbischof Lantbert von Mailand, undHilduin überkam dessen Erzbistum. Um das Pallium zu erhalten, sandte erRather nach Rom zu Johann XL, und der Papst gab diesem nicht nur diesAbzeichen, sondern sandte auch einen Brief durch ihn an König .Hugo, indem er ihn im Namen der ganzen römischen Kirche darum bat, Ratherzum Bischof von Verona zu erheben. Doch Rather erfuhr bei seiner Zurück-kunft, daß der König nicht mehr an ihn dachte, sondern drei andre Kandi-daten für das Bistum in Aussicht hatte. Als nun Rather damals schwerkrank wurde, beredete man den König, ihm das Bistum zu geben, da eres ja doch nicht lange behalten werde; und der König willigte ein und erhobihn im August 931 auf den Stuhl von Verona. Doch Rather genas und wurdeordiniert und Hugo erzürnte darüber aufs heftigste, so daß er beteuerte,der neue Bischof werde sein Leben lang sich seiner Ordination nicht freuen.Als diesem dann aber Hugo ein Verzeichnis der wesentlich verkleinertenEinkünfte des Bistums übersenden ließ, da weigerte er sich standhaft, indie Verkürzung seiner Macht einzuwilligen. 2 ) Das harte Geschick aber, dasihn bald treffen sollte, ist wohl nicht nur auf das Übelwollen Hugos, sondernauch auf seine Amtsführung zurückzuführen. Denn der Mönch paßte nichtzum Bischof, und es ist sehr glaublich, daß Rather in seinen Praeloquia 3, 14bis 32 und im vierten Buche häufig von sich selbst spricht 3 ) und seine eignenFehler bis ins kleinste zergliedert. Da Hugo sich des Bischofs auf alleWeise zu erledigen suchte, so hatte er Rather bald in die Arme seinerFeinde getrieben, und als Herzog Arnold von Baiern 934 4 ) einen Einfallnach Italien machte, wurde er hierbei von Rather unterstützt. Aber dieSache lief unglücklich aus 5 ) und Rather wurde gefangen nach Pavia geführt,wo ihn der König in einen festen Turm werfen ließ. 6 )

Im Gefängnisse blieb er zwei und ein halbes Jahr und während dieserZeit verfaßte er sein wichtigstes Werk, die Praeloquia, die er auch Ge-danken des Herzens sowie Agonisticum genannt wissen wollte, wohl weil

*) Denn nicht nur Persius wird in den I geschrieben ist, hat Vogel, Ratherius vonPraeloq-uia öfters benutzt (vgl. Manitius im \ Verona 2,161 ff. nachgewiesen.

Philol. 47, 719), auch Juvenal wird nicht seltenvon Rather angeführt, wie ebenfalls von mirnachgewiesen ist im Phil. 50,366 f., was H au c k3, 286 n. 6 entgangen ist. Zur Kenntnis vonHoraz vgl. meine Analekten z. Gesch. d. Horazim Mittelalters. 41.

2 ) Dieser Abschnitt ist nach Ratheis Briefan den Papst (Ep. 5, 3 ff. Migne 136,657 f.)gegeben. Daß der Brief 951 an Agapetus II.

3 ) Vgl. Vogel a.a.O. Bd. 1,54f.

4 ) Für dieses Jahr entscheidet sich Vogel1,5964.

6 ) Von diesem Zuge berichtet LiutprandAntapodosis 3, 49 ff. (ed. Dümmler S. 76 f.).

6 ) Sein Unglück schildert er, allerdingsmit ziemlich dunklen Worten selbst in denPraeloquia 5,11 col. 296.