Atto von Veroelli. 31
die wahrscheinlich der Umarbeiter hinzugesetzt hat, möglich gewesen, dasPolipticum zu verstehen. Nämlich seine Latinität ist von einer aber-witzigen Künstlichkeit und Verschrobenheit, in die nur ein ganz genauerKenner der Glossenliteratur verfallen konnte. Aber trotz jener Erklärungenbleibt in der kleinen Schrift noch vieles dunkel und unverständlich undder philologische Scharfsinn dürfte hier noch ein ziemlich weites, unbebautesGebiet für seine Arbeit finden. Schultz 1 ) hat sich der großen Mühe unter-zogen, eine wörtliche Übersetzung des ganzen Schriftchens zu geben, nach-dem er vorher über den Inhalt im allgemeinen orientierte. Hiernach istdas Polipticum, das im Scholion mit muHonim descriptio 2 ) erklärt wird,ein Blick über die Zeitgeschichte. Der Standpunkt, den Atto hierbei ein-nimmt, ist der des Italieners gegenüber den Einflüssen der Fremdherrschaft.Mehr in sich zerspalten und zerrissen und daher mehr einer fremden Über-wältigung ausgesetzt war damals kein Land Europas als Italien, und deritalienische Patriot, der die Verhältnisse seiner Heimat darstellen wollte,konnte nicht genug grau in grau malen. Nun fehlt freilich der Darstellunginsofern ein guter Teil der Wirklichkeit, als alle Namen überhaupt fehlenund somit eigentlich nur ein Schema vorliegt, das aber doch der Wirklich-keit in seinen Hauptphasen entspricht. Die Erzählung geht vom Aufruhreines Großen im Königreich aus, der dieses in die größte Verwirrung setzt,so daß der König mit dem Empörer einen Vertrag schließen muß; das istder Vertrag, den Hugo mit dem König Rudolf von Hochburgund im Jahre933 schloß. Atto setzt dann seine Darstellung von der unglücklichen Lagedes Staates fort, der, ein Spielball in der Hand der Parteien, nach weiterenUmwälzungen sich an das Ausland anlehnt und fremde Fürsten zu Hilferuft. Schließlich erfolgt die deutsche Invasion 951 unter Otto I., der aberzehn Jahre später wieder Herr im Lande wird, so daß jede Hoffnung aufFreiheit nichtig ist. Mit diesem letzten Faktum wird auf Ottos zweitenEinfall im Jahre 961 angespielt, den Atto eben noch erlebt hatte. DieDarstellung im einzelnen ist ungemein satirisch gehalten, so daß man denkenkönnte, der Verfasser habe sich an dem Ton der Gedichte eines Persiusoder Juvenal gebildet. Absichtlich scheint Atto fast nie die Dinge bei ihremrechten Namen zu nennen, er gebraucht nur selten die wirklichen Bezeich-nungen und setzt an ihre Stelle meist Worte von abstruser Form oder Be-deutung. Diese hat er sich aus Glossaren geholt, deren er wohl mehreregebrauchte. 3 ) Sicher aber ist, daß er daneben Fulgentius' Expos, serm. ant.benutzte, die auch der Scholiast zu den betreffenden Stellen ausschrieb; 4 )ebenso sind die Etymologien Isidors benutzt. 5 ) Während nun in dem Texte
') AttovonVercelliS.73—101; vgl. S.34ff. i n. 1664 mit Fulgentius ed. Helm p. 112,11.
) Non enim specialiter de uno loquitursed plurimorum corripit Vitium, bei Mai,Scriptorum vet. nova collectio 6, 43 n. 1 (parslatina); doch ist eher vitia zu lesen nach derAbschrift von Tschiedel bei G. Götz, Ber.üb. d. Verh. d. Kgl. Sachs. Ges. d. Wiss. 48, 75.
3 ) G. L o e w e, Prodr. gloss. lat. S. 166 stelltfest, daß er Glossare benutzte; er vermutetdabei den Liber glossarum.
4 ) Vgl. Migne 134, 874B {Manalibus) und
15 f. 864 A (Aumatia) und n. 1622 mit Pulg.p. 126,9 ff. 873 A (tutulos) unä n. 137 mitFulg.p. 116, 3 f. 874B (sübgrundaria) und n. 155mit Fulg. 113,19 f.
5 ) Vgl. 864 A (plagiatores) und n. 1623 mitEt. 10,221; n. 1626 mit Et. 19,23,5; n. 1627mit Et. 12,1,20; (martisiis) und n. 1628 mitEt. 20,2. 29. — Die Erzählung von der auto-lops in c.8 col. 868B und n. 1645 scheint ausdem Physiologus zu stammen.