28 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.
Das älteste seiner größeren Werke ist vielleicht die Schrift De pres-suris ecclesiasticis, die entweder 940 oder bald darauf verfaßt ist. In dieserSchrift geht Atto von den Anklagen gegen Geistliche aus, die er im all-gemeinen als unrechtmäßig verurteilt, wenn sie von Laien vorgebrachtwerden. Dann spricht er von unrechtmäßigen Besetzungen der geistlichenStellen, besonders der Bistümer und verlangt zugunsten der Kirche scharfePrüfung der zu Wählenden. Endlich handelt er von dem ungerechten Ein-griffe der Laien in die Kirchengüter nach dem Tode des Bischofs. Dassind alles deutliche Merkmale der Zeit und J. Schultz hat wahrscheinlichrichtig die vielfachen Klagen gegen die Mächtigen, die sich aus dem Bucheergeben, als gegen Hugo gerichtet aufgefaßt. 1 ) Die Darstellung ist zumgroßen Teile auf päpstlichen Dekreten und Briefen sowie auf Stellen ausden Werken der Väter aufgebaut, aus denen ich hier das Registrum Gre-gors, 2 ) sowie Isidors Sententiae 3 ) und Julianus Pomerius 4 ) anführe. DerTon der Schrift ist zuweilen ungemein lebensvoll, und es fehlt nicht anStellen von dramatischer Anschaulichkeit, wie z. B. die gewiß aus demLeben gegriffene Darstellung von der Wahl eines Kindes zum Bischof. Schonhier kann man die Wahrnehmung machen, daß Atto seltene und der Glossen-literatur entlehnte Wörter 5 ) gern gebraucht. Hingegen sind, wie überall inseinen Werken, Zitate aus klassischen Schriftstellern selten. 6 )
Wenig später nur kann der ungemein weitschichtige Kommentar zuPauli Briefen geschrieben sein, ja das Werk ist vielleicht noch früher alsdas eben erwähnte verfaßt. Denn diese umfängliche Kompilation deutetdoch mit aller Entschiedenheit auf verhältnismäßig ruhige Zeiten in AttosLeben und diese fallen wohl mit der Lebensperiode zusammen, da derBischof sich noch der Gunst Hugos erfreute. Das Werk besitzt keine Wid-mung, sondern beginnt sofort mit der Frage, warum der Römerbrief vorden andern Episte-ln stehe. Dieser Eingang wie auch die Erklärung zuRömer 1,1 ist nicht eben unwissenschaftlich gehalten und der Leser wirddaher zunächst in eine verhältnismäßig angenehme Stimmung versetzt. Siehält aber nicht lange an, denn neben die einfache Worterklärung tritt sehrbald die allegorische und moralische, wie man es aus der früheren Zeitgewöhnt ist. 7 ) Und die nähere Untersuchung der Quellen hat ergeben, daßsich Atto ungemein eng an Hieronymus' Erklärung zu den Briefen anGalater, Epheser und an Titus hält, daß er Augustin zum Römerbrief aus-schreibt und Hrabans Kommentar zu Pauli Briefen auf das ausgiebigstebenutzt, ferner daß er Claudius' von Turin Erklärung zum Galater- undPhilemonbrief plündert und als zweite Hauptquelle neben Hraban denzwischen Haimo und Remigius streitigen Kommentar zu Pauli Briefen ver-wertet. 8 ) Es muß dem gegenüber allerdings betont werden, daß Atto es
') Julius Schultz, Atto von Vercelli (Göt-tingen 1885) S. 42.
■') Migne 134, 65D. 66B. 67ß. 71BC.72 A—73 C. 74A. 75 A.
3 ) Migne 134.82D. 93B.
4 ) Migne 134, 85 A.
5 ) Migne 134, 75C praestigium, pitta-
6 ) Aus Vergil stammt 76 C vomev . . . pro-scindere non audeat terram; ich erwähne noch66 C AU enim Terentianus ille philosophiisad villicüm suum: 0 te infelicem, quem af-flictarem nisi iratus essem.
7 ) Migne 134, 189A ad historiam . . .allegorice.
dum. corculum. 8 ) Vgl. J. Schultz a. a. 0. S.69—72.