Odo von Cluni. 23
immer zunehmende Verstrickung in die Sünde. Vom vierten Buche an aberwird durch den Hinweis auf die Erzväter und auf das Gesetz sowie aufdas Versprechen der Erlösung das Heil der Menschen angebahnt, dessenAusgestaltung durch die Prophetie des Johannes und durch die InkarnationChristi dann im nächsten Buche erfolgt, während der eigentliche Gang derErlösung vom Abendmahl bis zur Begründung der christlichen Kirche dassechste Buch füllt. So ergibt sich dieser Hauptteil des Werkes als Gedankenüber die Sünde der Welt und über die Erlösung, und insofern steht dieOccupatio doch ziemlich fern von den Collationes. Man sieht aber auch,daß bis hierhin das Werk von einem durchgehenden Gedanken gehaltenwird; freilich hat es Odo vermieden, etwa eine heilige Geschichte in Versenzu geben, sondern gemäß seiner früheren Schriftstellerei überwiegt bei ihmdas moralische und allegorische Element durchaus das historische. Auchdas letzte Buch steht mit den früheren in Zusammenhang, denn es zeigtdas Weiterleben des Bösen seit der Begründung der Kirche und es gehtauf die Schilderung der-Sitten der Gegenwart ein, indem Odo die Lasterder Welt aufs schärfste geißelt und denen, die die Tugend üben, künftigeBelohnung verheißt. Das Gedicht ist zum Teil sehr lang ausgesponnen, dader Stoff, den die Kirchenväter gaben, unendlich reich war. Wenn nunOdo den Sitten der Gegenwart die der Vergangenheit lobend gegenüber-stellt, so gewinnt er zwar dadurch ein gewisses Zeitkolorit, aber er ver-fährt ganz im geistlichen Sinne. Insofern ist er der Vorläufer des Amarcius,dessen dichterische Begabung er allerdings nicht besitzt; übrigens kenntAmarcius das Gedicht Odos und benutzt es in seinen Satiren reichlich.Freilich finden sich bei Odo merkwürdig wenig Anspielungen auf die eigneZeit, denn der Verfasser selbst tritt ganz zurück und geht bei weitem nichtso ins einzelne wie Amarcius, dessen Gedicht daher ein viel höheres kultur-historisches Interesse besitzt. Wenn es nun bei diesem der Stoff mit sichbrachte, daß eine Menge von seiteneu, dem gewöhnlichen Leben entlehntenWorten auftritt, so hat die gleiche Erscheinung bei Odo einen andernGrund. Hier nämlich zeigt sich ein geflissentliches Prunken mit allerhandungewöhnlichen Worten griechischen und lateinischen Ursprungs; 1 ) sie jsindhöchst wahrscheinlich Glossaren entlehnt und deuten also mehr auf dieSchule, als daß sie, wie bei Amarcius, einer bedeutenden Sprachkenntnisentstammten. Die Anlehnung Odos an poetische Vorbilder ist nicht sehrausgedehnt, besonders werden Vergil, Horaz, Sedulius und Prudentius be-nutzt, doch auch Juvenal erscheint. 2 ) Wahrscheinlich hat Odo selbst zuseinem Gedicht reichliche Glossen und Scholien hinzugefügt, denn solche
') Die griechischen stellte A. Swoboda I auf, l,4(Migne 133,6450) agiliscere. 1,
in seiner Ausgabe p. XVIII, die lateinischenp. XIX — XXI zusammen (Nachträge von Ma-nitius.Ztschr. f.d.österr.Gymn.1901 S.228);p. XXI f. werden Vulgärformen gesammelt undp. XVIII auf den Gebrauch von gibra (= homo)aufmerksam gemacht, das sonst nur in derhisperischen Latinität begegnet, s. F. J. H.Jenkinson. TheHispericafaminap.77. Auchdie Vita G eraldi weist eine Reihe seltener Worte
col. 648A virgunculus. 1, 10 col. 649 B inprunulis eins. 1,11 c»J. 649 C medioximus.1, 12 col. 650 C Manupretium. euphormis (füreumorphis); 1, 22 col. 656 B mandüare. 1, 25col. 657 B betulinus.
-) Vgl. den Nachweis von M a n i t i u s, Ztschr.f.d.österr.Gymn. 1901S.227 und C.Weyman,Lit. Zentralbl. 1901 Sp. 1063.