20 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.
1. Odo von Cluni.
Odo war von fränkischer Abkunft und stammte wohl aus Le Mans,wo er etwa 879 geboren ist. Er rühmte später von seinem Vater Abbo,daß dieser die Geschichte des Altertums und die Novellen Justinians imGedächtnis hatte und daß man ibn zur Schlichtung jeder Streitigkeit herbei-rief. Obwohl Odo eigentlich zum geistlichen Stand bestimmt war, kam derjunge Mann doch wegen seiner Kraft und Schönheit an den Hof HerzogWilhelms v. Aquitanien. Freilich war Odo so sehr dem vom Vater über-kommenen Schutzheiligen St. Martin ergeben, daß er mit neunzehn Jahrenin Tours Kanoniker wurde. Hier empfing er den gewohnten grammatischenUnterricht aus Priscian und er las den Vergil, doch wurde er durch einenTraum von der Lektüre dieses wie der andern heidnischen Dichter ab-geschreckt. Als er sich aber nun dem Studium der Väter zuwandte, wolltenihn die Chorherren von St. Martin davon abhalten, da es zu schwierig sei,und sie wiesen ihn auf die Psalmen hin. 1 ) Vielleicht ist er wegen seinergelehrten Neigungen Lehrer in St. Martin geworden, jedenfalls aber hater in Paris sein Wissen zu erweitern gesucht, indem er hier die Vorträgedes Remigius über Pseudo-Augustins Dialektik und über Martianus Capellahörte. Ohne Zweifel war sein Beispiel und seine Lehre 2 ) von wohltätigemEinfluß auf die Chorherren von St. Martin, denn sie baten ihn, als er ausParis zurückgekehrt war, Gregors Moralia, die sechs Bände füllten, für siezu einem Bande auszuziehen, da das Originalwerk für sie zu gewaltig sei.Odo weigerte sich anfangs, als ihm aber in einem Traume Gregor selbstdie Feder reichte und. ihn zur Abfassung des Auszugs aufforderte, über-nahm er die Arbeit. Er erwähnt in der Vorrede, die übrigens nicht an dieBrüder von St. Martin gerichtet ist, daß er schon vor zwei Jahren ein Buch,das er Liber Regnorum 3 ) betitelt, aus den Aussprüchen der Väter zusammen-gestellt habe. Er stellte seinem Werke ein Gedicht in sechzig Hexameternvoran, in dem er in das höchste Lob über Gregor ausbricht und sein eignesZagen bei der übernommenen Arbeit schildert; das Gedicht zeigt übrigensim Ausdruck wie besonders in der Prosodie einen bedeutenden Rückschrittgegen die Poesie des 9. Jahrhunderts. Das Werk selbst verzichtet zunächstauf alle im Liber Regnorum vereinigten Sentenzen und zieht den TextGregors ungemein stark zusammen, ohne daß Odo, wie er selbst sagt, 4 )eigne Zutaten gemacht hätte. Längere Zeit hatte er schon nach BenediktsRegel gelebt und da ihm das lockere Leben der Welt ungemein zu Herzenging, beschloß er, Mönch zu werden. Mit einem gleichgesinnten Freundenamens Adhegrin durchzog er nun Westfranken und blieb dann in demburgundischen Kloster Baume, dessen Abt Berno ein strenges Regiment imSinne Benedikts v. Aniane führte und in Odo bald die gleiche Gesinnungerkannte. So wurde Odo hier Lehrer im Kloster, als er etwa dreißig Jahrealt war; er scheint von seinem Besitz einen ziemlichen Teil bis zu dieser
') Man sieht hieraus, wie schnell der war, vgl. Vita Odonis 1,15 (Migne 133, 50C).
Niedergang der Studien in der berühmten Abtei I 3 ) Das Werk scheint verloren zu sein,
erfolgt war. 4 ) Migne 133,1080 nulluni meo ut reor
2 ) Er lebte übrigens in Tours drei Jahre I sensu fuscatum sermonem permiscui.nach der Regel Benedikts, obwohl er Chorherr