16 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.
bisher unbekanntes Weiterleben gewährt. Es ist daher in hohem Grade zubegrüßen, daß die alten Kataloge Deutschlands, Österreichs und der Schweizjetzt in mustergültiger Weise herausgegeben werden.
Das zweite, die Gesamtproduktion einigende Band ist die Sprache, denn dasLatein blieb das sprachliche Ausdrucksmittel der Kirche gegenüber dem Volkeund seiner Vulgärsprache. Freilich hatte sich dasLatein gegenüber derfrüherenZeit stark verändert. Vor allem war der Wortschatz sehr vermehrt worden,denn die beiden Hauptfaktoren mittelalterlichen Lebens, Kirche und Staat,bedingten in ihrer Weiterentwicklung auch neue Ausdrücke, die einerseitsdem Volkslatein, andrerseits den Vulgärsprachen entnommen wurden undzuweilen auch eine Mischung aus beiden darstellen, ganz abgesehen davon,daß viele Schriftsteller mit Worten und Gedanken zu glänzen suchen, diesie der älteren Latinität und den römischen Autoren zu entnehmen suchen.Auch die Glossare und Wörterbücher sind für viele Schriftsteller, die nachseltnen und ungewöhnlichen Ausdrücken haschten, eine wahre Fundgrubegewesen. Aber auch der Stil ist ein andrer geworden, schon im 10. Jahr-hundert bildete sich vielfach eine neue Schreibweise aus. Sie wird natür-lich noch immer stark durch die Bibel beeinflußt, aber vor allem gewinntjetzt die Poesie und zwar die alte wie die zeitgenössische hier die Macht.Man bestrebt sich jetzt nicht mehr wie einst Einhart oder wie Lupus,möglichst im Stile der alten Autoren zu schreiben, 1 ) eine Mischung derbiblischen Schreibweise mit der der Kirchenväter und der Dichter ist ein-getreten und auch die Vulgärsprachen sind nicht ohne Einfluß geblieben.Und der Sinn für den poetischen Ausdruck zeigt sich nicht etwa nur inder Anwendung zahlreicher Tropen und Metaphern, sondern auch das ganzeSatzgefüge nimmt daran teil, indem es bei vielen Autoren in kleine auf-einander reimende Teile zerlegt wird. Wahrscheinlich ist es auf den Reim derKirchenlieder zurückzuführen, daß diese merkwürdige Reimprosa entstandenwar, denn man suchte außerdem einen rhythmischen Klang in die Prosazu bringen im Verfolg der volkstümlichen kirchlichen Dichtung. Gewiß habenwir in unserm Zeitraum nicht wenig Schriftsteller, denen der Gebrauchder lateinischen Sprache sehr schwer fällt, was sich aus der Verworren-heit ihrer Satzgefüge, aus der Unbehilflichkeit des Stiles sowie aus viel-fachen Verstößen gegen die einfachsten grammatischen Regeln ergibt.Aber es hat sich doch eine sichere, feste Schreibweise herausgebildet, dieum die nötigen Ausdrücke nicht verlegen ist und einen verhältnismäßigklaren, freilich mit vielen fremdartigen Bestandteilen durchsetzten Stil be-sitzt. Und dabei fehlt es durchaus nicht an solchen Autoren, die entgegendem ruhigen, in der Schule erlernten Ton einen von ihrem persönlichenWesen beeinflußten, stark subjektiven Stil schreiben, namentlich dann,wenn es gilt, leidenschaftliche Kämpfe mit der Feder durchzuführen. Dabeisoll allerdings nicht vergessen werden, daß ein Dichter wie Amarcius sichso nachhaltig in den Ton der Satiren des Horaz eingearbeitet hatte, daßnicht geringe Teile seiner heftigen Angriffe auf das Leben der Gegenwartsich fast wie Stücke aus der römischen Satire lesen. Im allgemeinen spielt
J ) Nur das Vorbild Sallusts ist namentlich in der historischen Prosa ungemein oft zu■erkennen.