14 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.
zuviel neues Wissen zuzuführen. Auch wurden die neuen Errungenschaftender Forschung doch nur in sehr beschränktem Maße abgeschrieben undmeist nur in engsten Kreisen bekannt. Und wenn auch Schulen wie dieFulberts zu Chartres nicht wenig strebende Geister vereinigten, der Lehrerwird doch immer nur wenig Auserwählten seine auf neuer eigner Forschungberuhenden Gedankengänge mitgeteilt haben. So gibt es viele Gründe da-für, daß das höhere Wissen auf wenige Köpfe beschränkt blieb und erst derim folgenden Zeitraum einsetzende Betrieb der Universitäten hat hierineine dauernde Änderung geschaffen.
Aber es gab auch viele warnende Stimmen, die von der Beschäftigungmit den Schriftstellern des Altertums abrieten, welche die Schule benutzte.Es fand sich besonders in den Werken der Dichter manches, was als Giftauf junge Gemüter wirken konnte. Während ja die Kirchenväter und Dichterwie Prudentius in stetem Kampfe gegen die alten Götter und deren Glaubengelegen hatten, las man in den Dichtern frei und offen lauter solche Dinge,die dem christlichen Glauben widersprachen. Solche warnenden Stimmenkleidet der mittelalterliche Autor nicht selten in Visionen. So erschien demOdo von Cluni, als er Vergil lesen wollte, im Traume ein äußerlich präch-tiges Gefäß, das aber mit Schlangen gefüllt war, die ihn alsbald umringten,aber nicht bissen. Als er erwachte, erkannte er, daß die Schlangen dieLehren der alten Dichter bedeuteten, das Gefäß aber das Buch Vergils sei. 1 )Und dem Abt Hugo von Cluni träumte einst, daß sich unter seinem Haupteeine Menge Schlangen befänden. Beim Erwachen fand er den Vergil unterseinem Kopfkissen, und er konnte erst ruhig schlafen, als er das Buchweggeschleudert hatte. 2 ) Oder ein junger Schüler namens Gozo rief einesTages erschreckt aus, eine Schar von Teufeln in der Gestalt des Äneasund Turnus und andrer vergilischer Helden verfolge ihn in heftiger Weise. 3 )Oder ein Lehrer las mit seinen jungen Leuten in Lüttich den Terenz, als erkrank wurde und man ihn schon aufgab. Da erschien ihm der h. Laurentiusund verbot ihm das Lesen von so schlüpfrigen Büchern. 4 ) Abt Majolus vonCluni 5 ) las in seiner Jugend die Bücher der alten Schriftsteller und die LügenVergils, später aber wollte er nichts mehr davon wissen und auch andresollten nicht darin lesen; er meinte, die christlichen Dichter genügten derJugend völlig und sie brauche sich nicht mit den gleißenden Worten einesVergil zu beflecken. — Obgleich nun in der schriftstellerischen Produktiondes Abendlandes schon in unserm Zeitabschnitt langsam und allmählichdas nationale Leben Scheidungen hervorbringt, die zum Einsetzen derNationalliteraturen führen, so bleibt doch eine gewisse Einheitlichkeit nachmehreren Richtungen gewahrt. Sie ergibt sich zunächst aus der Einheitder Kirche. Die von Rom immer fester geleitete Kirche stand über demAbendland wie ein schützendes Dach und sie war so organisiert, daß jedeabweichende Lehrmeinung schnell zutage treten mußte. Und die meisten
') Vgl. IohannisVita Odonis 1,12 (Ma-billon, Acta SS. ord. s. Bened.5,154).
2 ) Rieh. Lehmann, Ueber die Vitae Hu-gonis S.48 ausBibl. Cluniac. ed.Marrier p.422.
3 ) Vita Popponis Stabul. 32 (MG. SS. 11,
814, 33 ff.).
4 ) Reinen Palmarium virginale prol. (Pez,Thesaurus, aneedot. 4, 3, 85.
5 ) Vita Majoli 1,14 (Mabillon, Acta SS.5,791.