Druckschrift 
2 (1923) Von der Mitte des zehnten Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Kampfes zwischen Kirche und Staat : mit Index
Entstehung
Seite
13
Einzelbild herunterladen
 

Einleitung. \ 3

Erklärungen zu Bedas mathematisch-astronomischen Werken äußert. Da-gegen liegen die eigentlichen Naturwissenschaften noch ziemlich brach, manbegnügte sich im allgemeinen mit dem, was Isidor und Beda dafür geleistethatten. Dazu kamen Schriften des ausgehenden Altertums, über Botanik,die aber bei dem den Römern innewohnenden praktischen Sinne in Verfolgder Bestrebungen des Plinius stark mit medizinischem Volksaberglaubenversetzt waren. Plinius selbst wurde zwar öfters abgeschrieben und fandsich daher in den meisten größeren Bibliotheken, 1 ) aber es wird sich dabeioft nur um Teile des großen Werkes handeln, wie wir das von den Zeitender Angelsachsen her kennen; auch begnügte man sich vielfach mit Ex-zerpten, die mit Solin oder Isidor vermischt wurden. Erwies sich doch auchder Auszug, den Hraban einst aus Isidors Etymologien zu dem Werke Denaturis rerum gemacht hatte, als zu umfänglich, auch er wurde in Exzerptegebracht. Von den Schriften der alten griechischen Ärzte war nur wenigins Lateinische übersetzt worden, die abendländische Welt hing in dieserBeziehung fast ganz von der römischen Volksmedizin ab, wie sich das auchin dem Versuche des sogenannten Macer zeigt, der eine nicht geringe An-zahl älterer Schriften für sein botanisch-medizinisches Gedicht benutzte,das für diesen Zweig der Literatur tonangebend wurde. Erst gegen Endedes 11. Jahrhunderts beginnt sich die medizinische Schule zu Salerno zuregen, indem von hier wohl mit Unterstützung der Wissenschaft von MonteCassino eine reiche Übersetzungstätigkeit in der griechischen Arzneiliteraturausging. Und auch die Musik wurde wie stets in Italien besonders gepflegt,unser einfaches Notensystem hat seinen Vorläufer durch Guido von Arezzoerhalten, zu einer Zeit, als die Musiktheorie besonders in Reichenau aus-gebildet wurde und dort die Mathematik und die Astronomie wenig späterin Hermann dem Lahmen einen vorzüglichen Vertreter fand. Die Über*-lieferung der antiken Astronomie durch Plinius, Hygin, die sich an Aratusanschließende Literatur und durch Martianus Capella wurde zwar eifrigstudiert und die einschlagenden Werke Bedas mit Kommentaren versehen,aber zu selbständiger Beobachtung fehlte es nicht nur am unmittelbarenZurückgehen auf die griechische Wissenschaft, sondern auch an den nötigenInstrumenten. Den letzteren Mangel ersetzten in gewisser Beziehung Gerbertund Hermann der Lahme, dessen astronomische Schriften einen, wenn auchsehr losen Zusammenhang mit der arabischen Wissenschaft verraten. Erstals diese in etwas späterer Zeit durch Übersetzungen im Abendlande be-kannter wurde, läßt sich von einer Hebung der astronomischen Studiensprechen. Man muß sich übrigens den höheren Betrieb der Fächer desQuadriviums in unserm Zeitraum noch recht subjektiv vorstellen. Von demDenken der tiefer angelegten Geister drang wenig in die Öffentlichkeit undwenige nur vermochten dem geistigen Fluge zu folgen. Bei dem starkenAutoritätsglauben, den die Kirche nun einmal mit allen Mitteln aufrechterhielt, wurde ein neuer Gedanke, der von der überlieferten Weltanschauungund vom hergebrachten Wissen abwich, leicht als ketzerisch aufgefaßt, unddie Kirche hatte großes Interesse daran, der lernbegierigen Jugend nicht

*) In alten Katalogen wird die Naturalis historia an 53 Stellen erwähnt.