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2 (1923) Von der Mitte des zehnten Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Kampfes zwischen Kirche und Staat : mit Index
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12 Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.

dukten der karolingischen Periode messen. Diese waren so zahlreich ge-wesen, daß man nur wenig Veranlassung fand, neue größere Erklärungen(Kommentare) zu den eigentlichen Grammatikern wie zu den gelesenenAutoren zu schreiben; hatte doch eine so anerkannte Autorität wie Remi-gius Kommentare zu den meisten Schulschriftstellern geliefert. Nur dieLiteratur der Glossenwerke und der Lexika wächst, indem die älterenWerke kontaminiert und bereichert werden und man auch die Volkssprachenmehr in das lexikographische Gebiet hineinzieht. Am meisten aber vonden grammatischen Fächern wird die Dichtung geübt. Auf dem poetischenGebiet entfaltete sich eine ungemein große Tätigkeit, mag man die kirch-liche Lyrik und Epik, oder die Poesie auf geschichtlicher wie weltlicherGrundlage überblicken. Denn das Versemachen wurde mit Hilfe prosodischerDiktate und reicher Auszüge aus den alten Dichtern in der Schule gelehrtund wurde dort stark betrieben; sonst wäre die verhältnismäßig großeSicherheit in der Prosodie bei den meisten metrischen Dichtern nicht zuerklären. Und noch wagt man sich zuweilen an die schwierig zu hand-habenden Odonmaße des Altertums heran. Freilich hatte sich längst nebendie Metrik die volkstümliche Rhythmik gestellt, in ihr bewegt sich zumeistdie ungemein ausgebreitete kirchliche Lyrik, die freilich, häufig unfrei, anbestimmte Gedanken- und Wortschemen gebunden, oft kaum mehr den Ein-druck wirklicher Poesie macht.

Gehörte die Ausbildung in den Fächern des Triviums zum unbedingtnötigen Rüstzeug für den Kleriker, so trat beim Quadrivium eine großeBeschränkung in dieser Hinsicht ein. Seine Fächer hängen alle mit derMathematik zusammen und hier war es allerdings für den Geistlichen un-erläßlich, die Berechnung des Osterfestes anstellen zu können. Hierfürmußte er in die kirchliche Chronologie eingeweiht werden, um den Kom-putus zu verstehen. Und ebenso waren ihm für die Ausübung der Kirchen-musik Vorkenntnisse notwendig. Aber für ein tieferes Eindringen in diemathematischen Fächer ergaben sich wohl bei den meisten unübersteiglicheHindernisse. Und doch war das Material für den Betrieb dieser Wissen-schaften vorhanden. Abgesehen von den betreffenden Büchern bei Mari-anus Capella wurden besonders die Schriften des Boethius über Arithmetikund Geometrie beim höheren Unterricht' verwendet, aber seitdem Gerberteine nicht geringe Anzahl in beide Fächer einschlagender Schriften ausdem Altertum 1 ) gefunden und für seine eignen Werke verwendet hatte,besaß man reichen Stoff in dieser Beziehung. Und es regte sich jetzt auchdas Interesse hieran, wie man die Frage nach der Quadratur des Kreiseszu beantworten suchte. Zum Mittelpunkt mathematischer Bestrebungenwurde die Schule von Chartres, die in ihremSokrates" Fulbert ein Haupterhielt, in dem sich die mannigfachsten wissenschaftlichen Studien ver-einigten. Aber auch die Musik wurde durch Gerbert gefördert und fürastronomische Beobachtungen stellte dieser unvergleichliche Gelehrte Ap-parate her, die für ihre Zeit einzig gewesen sind. Seitdem beginnt wiedereine regere komputistische Tätigkeit, die sich auch in wissenschaftlichen

') Nämlich im Cod. Arcerianus oder einer ähnlichen Sammlung.