Einleitung. \ \
In den Mittelpunkt der wissenschaftlichen Betätigung treten jetzt mehrund mehr die freien Künste, die sowohl auf den höheren wie niederenSchulen auch den Hauptlehrstoff abgaben. Daher war ein Buch wie MartianusCapella in hohem Ansehen, freilich dessen wissenschaftliche Erklärung, dieeinst Johannes Scottus gegeben, hatte sich nicht behaupten können. Manbegnügte sich mit den Exzerpten, die Remigius daraus gemacht hatte, undauch dessen Werk wurde später weiteren Verdünnungen ausgesetzt, und eserhielt sich immerhin auch darin eine nicht unbedeutende alte Gelehrsam-keit. Freilich konnte man die umfängliche Schrift De nuptiis philologiaeet Mercurii erst vorgeschrittenen Schülern, die schon den Donat, CatosDistichen und Avian, 1 ) dazu Theoduls Ekloge gelesen und erklärt erhaltenhatten, in die Hände geben, denn der grammatische Unterricht erstrecktesich auf die eigentliche Grammatik, wobei Donat und seine zahlreichenErklärer behandelt wurden und das Hauptbuch Priscian sich anschloß, undauf die Lektüre von Dichtern. Das Lesen der altrömischen Epiker undSatiriker wurde aber auch als Vorstufe für die Rhetorik angesehen 2 ) undbildete für den höheren Unterricht eine Hauptgrundlage. Allerdings wurdenach der Grammatik zunächst die Dialektik getrieben, wobei man desPorphyrius Isagogen in den Bearbeitungen von Victorinus und Boethius,des Aristoteles Kategorien und Periermenias nach Boethius und CicerosTopik mit dem Kommentar des Boethius benutzte. Das wird sich freilichnur auf den höheren Unterricht beziehen, der keineswegs an allen Schulenbestand, sondern nur für die jungen Kleriker eingerichtet wurde, welcheweiter strebten und die es nach einem tieferen Verständnis der Bibel undder Kirchenväter verlangte. Denn bei dem höheren Flug, den die griechischenKirchenväter — sie waren der lateinischen Welt aber nur durch Über-setzungen bekannt — genommen hatten und bei den Problemen, die einAugustin im Gottesstaat vorführte, genügte die mehr elementare Ausbildungkeineswegs, die für den Kleriker unbedingt notwendig war. Als Vorstufezur Rhetorik wurden die Schriften des Boethius De topicis differentiis, Desyllogismis categoricis und hypotheticis, De diffinitione und De divisionebehandelt und dann die Dichter Vergil, Statius, Terenz, Juvenal, Persiusund Horaz sowie Lucan gelesen, den man ührigens mehr zu den Historikernals zu den eigentlichen Dichtern rechnete. Für die eigentliche Rhetorikaber wurden Cicero De inventione und der Auetor ad Herennium — nachdem mittelalterlichen Sprachgebrauch Ciceronis rhetorica seeunda oderposterior genannt ■— eifrig benutzt. Dazu traten als Übungsbuch für eigneVersuche Senecas Controversien. Daneben bildeten die weitere Lektüre inder Grammatik die Werke Sallusts, die sich einer sehr großen und ganzallgemeinen Beliebtheit erfreuten, sowie die späteren mageren Auszüge ausder römischen Geschichte wie von Jordanis und Paulus Diakonus und dieHistorien des Orosius. Der Unterricht in diesen drei Fächern führte nundie mehr selbständigen Geister zu eignen Arbeiten. Und zwar steht auchhier, wie in der früheren Zeit die Grammatik voran; freilich können sichdie einschlägigen Werke weder an Zahl noch an Bedeutung mit den Pro-
l ) Vgl. den Prolog zu Otlohs Pioverbia, I 2 ) Vgl. Richer, Hist. 3, 47 (ed. Waitz
Migne 146, 300C. | p. 101).