XO Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.
Chalcidius oder die Kategorien und Periermenias von Boethius und dazudie Isagogen des Porphyrius. Soweit Boethius den Aristoteles übersetztund kommentiert hatte, wußte man etwas von ihm, alles übrige war ver-schlossen. Denn die Kenntnisse im Griechischen hatten sich nicht erweitert,sondern gegen die karolingische Zeit verringert. Allerdings mit Ausnahmevon Süditalien, wo das Griechisch lebendig geblieben war und der Einflußder Araber hinzutrat. Während man sich in Frankreich und Deutschlandfür den Unterricht mit Martianus Capeila begnügte und höchstens aufBoethius zurückgriff und mehr verstohlen etwas von Plato und Chalcidiusnaschte, entstand um die Mitte des 11. Jahrhunderts, als St. Gallen, Reichenauund Fulda von ihrer alten Höhe gesunken waren, ein bedeutender Mittel-punkt für das wissenschaftliche Leben. Das ist das Kloster Monte Cassino,das sich nicht nur rühmte, in letztem Grunde auf Varro zurückzugehen,sondern das auch selbst Schriften von Varro und Apuleius unter seinenBücherschätzen barg. Die Nähe von Salerno begünstigte hier nicht nurStudien über die Geschichte der Normannen, sondern regte auch zu Über-setzungen griechischer medizinischer und philosophischer Werke an, undes ist kaum zu bezweifeln, daß die unter Abt Desider gepflegte CassineserWissenschaft grundlegend für die bald einsetzenden Aristotelesübertragungengewesen ist. Damit aber konnte erst das wirkliche Studium der Philosophiebeginnen und die Zeit der Scholastik einsetzen. Diese aber wird erst imfolgenden Zeitraum behandelt werden.
Mit diesen allgemeinen Verhältnissen hängt nun die Weiterentwicklungder Wissenschaften und die Pflege der Literatur eng zusammen. Amwenigsten Vorteil hat die eigentliche Theologie daraus gezogen. Und daskann nach deren starkem Aufblühen in karolingischer Zeit nicht wunder-nehmen. Damals war ein Kompendium nach dem andern aus den Werkender Väter besonders in der Exegese entstanden und die Dogmatik war sogarunter dem persönlichen Eingreifen der Herrscher in vielen Beziehungenstark gefördert worden; auch waren große Predigtsammlungen angelegt.Von diesen Schätzen zehrte nun die folgende Zeit, in der man verhältnis-mäßig wenig Neues entstehen sieht, da man jetzt mit den Autoritäten derVergangenheit auskam und die Zeit andere Forderungen stellte, die wegender vielen äußeren und inneren Kriege öfters ins kirchenrechtliche Gebietfielen. Dagegen ist an ein Nachlassen in der hagiographischen Tätigkeit nichtzu denken. Das hängt mit der Neugründung vieler Klöster und mit derHerbeischaffung vieler Reliquien zusammen. Die Wundersucht wuchs außer-dem und je mehr in dieser Beziehung vorgetragen werden konnte, um so' eherkonnte man das Ansehen fremder Heiligen herunterdrücken. Auch genügteder Stil der älteren Arbeiten vielfach nicht mehr. Durch das eifrige Studiumdes Sallust in den Schulen hatte man eine große Vorliebe für das Sentenzen-hafte gewonnen, die Neigung zu kurzer und prägnanter Darstellung, die mitallgemeinen, spruchhaft vorgetragenen Gedanken gemischt ist, tritt sehr starkhervor. Und daher fand man an den alten hagiographischen Arbeiten keinenGefallen, sie wurden unter möglichster Vermehrung der Wunder in den neuenStil umgegossen. So kommt es, daß man jetzt gar nicht selten dergleichenlesbare Arbeiten antrifft, die lebendig und eindrucksvoll geschrieben sind.