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2 (1923) Von der Mitte des zehnten Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Kampfes zwischen Kirche und Staat : mit Index
Entstehung
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Einleitung. 9

zuerst in Berengar von Tours einen bedeutenden Vertreter fand. Aberauch die andern Zweige der freien Künste wurden hier nachhaltig gepflegt,darunter besonders die Poesie, die sich hier aus den früheren Schulreimereienzu einer fruchtbaren und gewandten Gelegenheitsdichtung entwickelt.Während in Deutschland die altberühmten Schulen von St. Gallen, ßeichenauund Fulda viel von ihrem alten Einfluß einbüßten, blieb Fleury seiner altenRichtung treu und das benachbarte Orleans erhob sich immer mehr zueiner der wichtigsten Bildungsstätten überhaupt, wogegen Paris in unseremZeitraum noch nicht bedingend hervortritt. Daher kommt es, daß diejüngeren deutschen Kleriker vielfach auf französischen Schulen zu studierenanfingen, wo man von formaler Bildung mehr als irgendwo anders lernenkonnte. 1 ) Diese Rückkehr zur Antike regte aber unbedingt zum Nach-denken an und in vielen Geistern festigte sich das Bewußtsein von denWidersprüchen der theologischen Überlieferung. Jedenfalls finden sich hierdie Anfänge zur späteren scholastischen Philosophie, die die christlicheund die heidnische Überlieferung auf dialektischem Wege zu verbindensuchte. Aber durch das Zurückgehen auf das Altertum war auch hier derWeg zur unmittelbaren Kritik der Mißstände im geistlichen Leben gegeben.Diesen Weg beschritt die kirchliche und kirchenpolitische Satire, die ebensoin Frankreich entstand wie in England, wo der den Angelsachsen inne-wohnende freiere Blick für die Verhältnisse des Lebens sowie ihre scharfeRücksichtslosigkeit in der Beurteilung dazu führte. Aus alledem ergibtsich aber, daß die großen Nationen des Abendlandes auch innerhalb dereinenden Kirche fortan in der literarischen Darstellung ihre eignen Wegegingen und daß mit dem 11. Jahrhundert die Nationalliteraturen ein-setzten. Das ist aber nur durch die Zersplitterung des großen Franken-reichs möglich gewesen, und man kann somit behaupten, daß diese ihrewohltätigen Folgen gehabt hat. Ohne Zweifel aber hat die ganze Bildungbis zur Mitte des 11. Jahrhunderts einen solchen Weg genommen, daß sieimstande war, für den großen Kampf zwischen Kirche und Staat mit ge-schärften Waffen sich zu rüsten und im Widerstreit der Geister die Menschenzu einem breiteren und tieferen Denken zu führen. Nur auf diesem Wegewar es möglich, daß bald eine neue Zeit einbrach, in der die scholastischePhilosophie alle tiefer angelegten Naturen in ihren Bannkreis hineinzog.Hierzu waren freilich auch gewisse reale Unterlagen durchaus nötig,nämlich philosophische Werke, auf deren Grund eine regere Beschäftigungmit der Philosophie in den Schulen vorgenommen werden konnte. Dennhieran fehlte es vor allen Dingen. Überblickt man freilich die alten Kata-loge der Klosterbibliotheken und liest in den Schriftstellern des 10. und11. Jahrhunderts, so möchte es scheinen, als ob daran kein Mangel gewesensei. Aber es fehlte doch überall an den Grundlagen, und wenn zehn-mal die Rede von Plato oder Aristoteles ist, man besaß eben doch nur den

') Wie man damals im Reiche über den 1 Lehrer Gunderam nicht achtete: qui qnoniam

Aufenthalt auf fremden Schulen dachte, geht domi, non iuxta Renum seil in Gallia doctus

recht deutlich aus einer Notiz im Anon. Ha- 1 erat, tarn nullius ab episcopo habltus est, ut

serensis 28 (MG. SS. 7, 261, 22) hervor, wo [ ipsum eicere et alium substituere cogitaret.

Bischof Heribert von Eichstädt den dortigen |