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2 (1923) Von der Mitte des zehnten Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Kampfes zwischen Kirche und Staat : mit Index
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Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters. Zweiter Teil.

stützt habe, 1 ) so daß mit dessen Tode seine ganze Hoffnung begraben ge-wesen sei. Aber auch Heinrich IV., dessen Erziehung ja in die HändeAnnos von Köln und Adalberts von Bremen gelangte, erhielt eine für jeneZeit außerordentliche Bildung, denn Ebo erzählt im Leben Ottos von Bam-berg, 2 ) daß der Kaiser imstande gewesen sei, alle an ihn gerichteten Briefeselbst zu lesen und zu verstehen; und er setzt hinzu, daß sein Psalmen-buch vom vielen Gebrauche faltig und schmutzig geworden war. Ekkehardvon Aura aber erzählt von ihm, daß er sich wie sein Vater besonders mitwissenschaftlich gebildeten Geistlichen umgeben habe und mit ihnen diePsalmen gelesen und Fragen aus der Bibel und aus dem Gebiet der freienKünste besprochen habe. 3 ) Solche Dinge waren bei Laien selten genugund man sieht daraus deutlich, daß die Tradition aus der karolingischenund ottonischen Zeit beim salischen Hofe doch weiter wirkte. Aber nurganz vereinzelt hört man ähnliches aus den Kreisen der Großen, wie vomPfalzgraf Friedrich von Sachsen berichtet wird, er habe die an ihn ge-richteten Briefe lesen und verstehen und die Kapellane, die sich währenddes Gottesdienstes beim Lesen versahen, zurechtweisen können; solcheKenntnisse habe er sich im Kloster Fulda angeeignet. 4 )

Solange nun die Macht der deutschen Könige, der Träger der Kaiser-krone, im Wachsen begriffen war und sich über Rom bis nach Unteritalienausdehnte, hielt das geschichtliche Interesse beim deutschen Klerus an;die geschichtliche Darstellung in allen ihren Abarten stand hier durchausim Vordergrund, sie wurde durch das Eintreten des Kampfes zwischenStaat und Kirche besonders von der rechtsgeschichtlichen Darstellung ab-gelöst. Die Weltstellung des deutschen Reiches aber brachte es mit sich,daß man den Blick auch auf die fernste Vergangenheit lenkte und mit derweltgeschichtlichen Darstellung in größerem Maßstabe begann, wovon unserZeitraum zwei bedeutendere Arbeiten, die Hermanns von Reichenau unddie des Marianus Scotus aufzuweisen hat. Und mit dem großen Reichtuman geschichtlichen Arbeiten Deutschlands kann sich weder Italien nochFrankreich messen. In Frankreich waren die politischen Verhältnisse nichtdazu angetan. Hier waren aber die Reformideen entstanden, die einen sehrgroßen Einfluß auf das Land ausübten und sich bald nach Lothringen ver-breiteten. Zudem war in Frankreich die alte römische Kultur doch nieganz untergegangen und damit hängt es zusammen, daß sich hier im11. Jahrhundert eine viel bedeutendere formale Bildung entwickeln konnteals in Deutschland. Sie prägt sich zunächst in dem strafferen Denken aus,das auf gesteigerter Beschäftigung mit Dialektik und Rhetorik beruhte und

3 ) Chron. 1106 (MG. SS. 6, 239,1) Morepatris sui clericos et maxime literatos ad-herere sibi voluit hosque honorifice tractansnunc psalmis nunc lectione vel collatione sivescripturarum ac liberalium artium inquisi-stione secum familiarius occupavit.

4 ) Chron. Gozec. 1,19 (MG. SS. 10,148,10)Ferunt etiam quia litterarum scientia adeoin curiaVuldensi instructus fuerit,ut ep>istolastransmissas per se legeret et intelligeret accapellanos in officio divino errantes corrigeret.

') Vgl. Schilter, Thesaur. ant. Teuton. 1,3, 2 Vs. 5 Iussa tui patris subii iuvenilibusannis . . . Nam vacuis manibus numquam re-diit mihi missus . . . Mortem quando luit, spesmea tota ruit.

2 ) l,6(Jaffe, Bibl.rer. Germ. 5,594) Eratenim imperator litteris usque adeo imbutus,ut cartas a quibuslibet sibi directus per se-met ipsum legere et intellegere prevaleret. Co-dex autem in quo psalmos decantabat, ma-nuali frequentia rugosus et admodum obfus-catus erat.