Seine politischen Ansichten. Bismarck. 565
beirren lassen, die er 1849 ausgesprochen hatte, dass Preussenzum Vorkämpfer für Deutsehlands Einheit und Ehre berufensei; eben darum berührten ihn um so schmerzlicher Schwan-kungen und Fehlgriffe der preussischen Politik. Schwan-kend und unklar erschien ihm ihre Haltung auch gegenüberden orientalischen Wirren. „Ich habe", schrieb er im März1854 an Göttling, „keine Sympathien für Russland, aberauch keine für Frankreich und England; das letztere wiedas erste hat uns in den Jahren 1848—50 zu viel geschadet,und gegen Frankreich bin ich mit wohl begründetem Mis-trauen erfüllt. Darum kann ich nur zu einer selbstständigenfesten Haltung und zur innigen Verbindung mit Deutsch-land rathen." Unterschied sich diese seine Ansicht wesent-lich von den in der liberalen öffentlichen Meinung vorwal-tenden Anschauungen, so theilte er auch nicht die Hoffnungen,die sie auf das erste vom Prinz - Regenten berufene Mini-sterium und die von ihm eingeleitete neue Aera setzte. Ersah, wie er 1861 schrieb, den Mann nicht, welcher den poli-tischen Bewegungen der Zeit „die gottgefällige Richtung zugeben vermöchte und den von allen Seiten drohenden Sturmmit Einsicht und Kraft beschwören könnte". „Aber", setzteer hinzu, „er wird kommen, wenn ich auch seinen Tag nichtmehr erleben werde". Es ist sehr begreiflich, dass auch erzunächst die Bedeutung des 1862 eintretenden neuen Lenkersder preussischen Politik nicht erkannte, obgleich er 1848mit ihm in persönliche Berührung gekommen war. Wie erberichtet, hatte damals Bismarck ihn persönlich aufgesucht,um von ihm eine Empfehlung an seine Freunde in Branden-burg zu erhalten, wo er gewählt werden wollte; nach einemlängeren Gespräch, in dem Bismarck sich „zutraulich überdie damalige Lage des Staats, den König und seine Unter-redung mit ihm aussprach", glaubte Schulze ihm die ge-wünschte Empfehlung zusagen zu können. Seitdem aberhatten sie sich nicht wiedergesehen; aus den eben mit-getheilten und anderen Aeusserungen Schulzes über den Ver-fassungsconflict ist ersichtlich, dass er Bismarcks Haltungin ihm misbilligte. Doch hat er auch in Tagen, in denenihm der Gang der Politik ernsteste Sorge und schwersten