1 30 Erstes Buch. Viertes Capitel.
zuleiten, vorzubereiten und zu begründen. Dadurch unter-scheidet es sich von der Bürgerschule, wo untergeordneteZwecke, Brauchbarkeit zu diesem oder jenem praktischenGeschäfte des Lebens vorherrschend sind, wo der Staat, wohlwissend, dass nicht alle seine Mitbürger eine gleich hoheBildungsstufe zu erreichen vermögen, diejenigen, welche ent-weder von der Natur für das Erkennen des Höchsten untaug-lich sind, oder aus eignem Entschlüsse eine allgemeine denganzen Menschen umfassende Bildung verschmähen, zu nütz-lichen in den niederen Gegenden des Lebens dienenden Glie-dern der menschlichen Gesellschaft zu machen sucht. DerUnterschied zwischen Gymnasium und Universität bestehtdarin, dass dieser obliegt, das Erkennen und Wissen, wasauf dem Gymnasium mehr ein subjectives war, objectiv zumachen, und im Zusammenhange mit den einzelnen Wissen-schaften wie mit der Wissenschaft an sich darzustellen. DasGymnasium sucht das Selbstbewusstsein des Knaben undJünglings zu wecken, sein inneres Leben hervorzurufen undihn zur klaren Anschauung seiner selbst zu erheben, indemes seine ganze Eigenthümlichkeit in Anspruch nimmt, unddiese an den Gegenständen ausser ihm erkennen lehrt. DieUniversität, unbekümmert um die Individualität des Einzelnen,berücksichtigt blos das objective Leben. Auf dem Gymnasiumwird gelehrt nicht der Sachen willen, sondern damit sichan diesen das Selbstbewusstsein des Schülers entfalte; aufder Universität werden die Gegenstände systematisch, ohneBerücksichtigung der Individualität des Lernenden, vorgetragen,und der Jüngling lernt durch diese Vorträge sein bis dahingeführtes subjectives inneres Leben objectiv anschauen. Umdies zu können, muss er zuvor an Denken gewöhnt, ihm derSinn für die herrlichsten Erscheinungen auf dem Gebiete derKunst und Wissenschaft aufgeschlossen und seine Seele be-fruchtet sein mit einer reichen unzerstörbaren Liebe für dasEwige in der Natur und Geschichte."
Zur Erreichung dieses Zweckes des Gymnasiums erachteteSchulze sprachlichen und mathematischen Unterricht als be-sonders wichtig. „Abgesehen davon, dass unsere ganze mo-derne Bildung doch einzig und allein auf der Kenntniss des