74 Erstes Buch. Drittes Capitel.
innerte. Besondere Freude aber bereitete ihm, dass unterseiner Mitwirkung die zuerst getroffene Verfügung zurück-genommen war, nach der an diesem Abend die Mitgliederdes Weimarer Hoftheaters als Statisten hatten dienen sollen.Wie er berichtet, hatte ihn am frühen Morgen Wolff inseiner Wohnung aufgesucht und sich „in tiefer Entrüstungüber den 'Alten' (Goethe) beschwert, dessen Bewunderungder grossen und mächtigen Naturen ihn zu einer solchenAnordnung vermocht habe. Diese für jedes deutsche Gemüthschmachvolle Zumuthung empörte mich in dem Grade, dassich ohne Zaudern die Hülfe des Fräulein Jagemann, welcherich von einer Jugendfreundin empfohlen war, in Anspruchnahm. Meine dringende Bitte blieb nicht unbeachtet; ihreGewährung wurde durch ein Handschreiben des Fräuleins anden Herzog schnell erreicht." An einem der folgenden Abendeführten die Weimarer Schauspieler den Don Carlos auf;dabei zollte der noch anwesende Talma, wie Schulze be-richtet, der mit ihm in einer Loge zusammentraf, „dem ruhigenleidenschaftlosen gemessenen Vortrage Wolffs als MarquisPosa lebhaften Beifall und äusserte in ehrender Anerkennungder deutschen naturwahren einfachen Kunst, dass er nimmer-mehr wagen könne in ähnlicher Weise und so ohne Pathosvor einem französischen Publicum zu spielen"*).
Diese ersten ereignissreichen Wochen in Weimar hatteSchulze dort ohne Passow verleben müssen, den eine Er-
*) Martersteig, der S. 48 f. seines Buches über P. A. Wolff die freund-schaftlichen Beziehungen zwischen diesem und Talma erwähnt, be-dauert die Dürftigkeit unserer Nachrichten über dieselben; um sowerthvoller dürften ihm die oben abgedruckten Sätze Schulzes er-scheinen, welche in interessanter Weise Holteis Aensserung illustriren,dass „der grosse Franzose dem deutschen Künstler sein ehrfurchts-volles Entgegenkommen durch ungeschminkte Herzlichkeit erwiderteund ihm ein ehrenvolles Gedächtniss bewahrte". Auch wird dadurchbestätigt, was Henriette Knebel am 19. October 1808 nach der Auf-führung einer französischen Bearbeitung von Macbeth und Othelloschrieb: „Mich dauert Talma, der doch gewiss ein grosser Künstlerist. Er glaubt, dass er seinem Publicum nachgeben müsste, denn mansagt, dass er es selbst einsähe, dass das kein guter Geschmack sei."K. v. Knebels Briefwechsel mit seiner Schwester Henriette h. v. DüntzerS. 350.