A. Gleichmäßige, zierliche, gotische Buchschrift der ersten Hälfte des XIV. Jahrhunderts, die die Erscheinung der Brechung in ausgeprägtem Maßezeigt, ZierstricHe dagegen sehr sparsam, nur an der Fahne des r (A I, Z. 1), verwendet. Die Ober- und Unterlängen sind wenig ausgebildet, doch ergebensich daraus keine Undeutlichkeiten oder Schwierigkeiten für die Lesung, da die Wörter gut zusammengeschlossen sind. Zur Klarheit der Schrift trägt auchbei, daß von den Wilhelm Meyerschen Buchstabenverbindungen nur de, dieses indeß regelmäßig, vorkommt; sonst begegnet nur einmal pp (Ä I, Z. 11).Da de stets vollkommen in einander geschrieben wird, ist anzunehmen, daß die Fälle be (A I, Z. 12; All, Z. 13 und 15), he (Ä II, Z. 11) und ha (A II,Z. 14) als zufällige Berührungen, nicht aber als gewollte Buchstabenverbindungen anzusehen sind.
Das a ist zweibogig (A I, Z. 4), doch ist der obere Bogen mitunter nicht ganz geschlossen (A I, Z. 14); im Einzelnen lassen sich kleineVerschiedenheiten der Bildung beobachten, auch ist a nicht selten etwas größer als die andern Minuskeln, die keine Oberlängen haben. Die Oberlängenbei b, ferner bei h, k und 1 sind mehr oder weniger deutlich gespalten. Das abgebogene d wird ausschließlich gebraucht. Das g ist oben und unten ge-schlossen. Das i begegnet mit (A I, Z. 3) und ohne (A I, Z. 2) i-Strich; eine durchgehende Regel ist nicht zu erkennen, nur ist der i-Strich, der sichin der Form öfter dem dachförmigen Akzent (A II, Z. 2), seltener dem i-Punkt (A I, Z. 5) nähert, immer dann gesetzt, wenn die Möglichkeit einer Unklarheitbesteht, also in der Nachbarschaft von m, n, u, v. Der Doppelhaken des k steht nicht mehr auf der Zeile auf, sondern ist am Schaft heraufgerückt (A I, Z. 4), abernoch nicht ganz bis an dessen oberes Ende; dadurch entsteht eine Form, die zu der in der späteren Fraktur gebräuchlichen überleitet (vgl. Tafel XLYIIund XLIX B). Ähnlich, wenn auch nicht ausnahmslos wie bei g, dient der Haken zur Herstellung der Verbindung des k mit dem folgenden Buch-staben. Der Schaft des p ist unten nach rechts etwas abgebogen (A I, Z. 3). Das runde i kommt nicht vor. Die beiden f und s werden nach ihrerStellung im Worte oder im Auslaut, wie auch sonst üblich, unterschieden. Das ft ist die einzige noch vorkommende alte Buchstabenverbindung; auchhier ist der Bogen gebrochen. Das t ist im Ganzen vom c recht gut zu unterscheiden — vgl. aber das erste c in Sacrificium (A I, Z. 8) — undzeigt wie das überlegte Setzen des i-Striches das oben schon berührte Streben des Schreibers nach einem möglichst klaren Schriftbild. Der etwasunterhalb der Spitze des Schaftes angesetzte Querbalken des t ist meist links noch etwas sichtbar, das rechte Ende ist gerne etwas im Bogen nachunten gezogen (A I, Z. 3). Treffen zwei t zusammen, so ist das zweite etwas höher (A II, Z. 18; vgl. Tafel XXXI B). In den lateinischen Worten be-gegnet für den Vokal nur u, im Deutschen überwiegt dagegen v, das allein auch für den Konsonanten gesetzt wird.
Von Überschreibungen begegnet nur ü in gut (A I, Z. 13). Von Kürzungen kennt der Schreiber den gekrümmten Haken für er (A I, Z. 3), denwagrechten, hier etwas geschlängelten Strich für m (A I, Z. 8) und n (A II, Z. 2) und die Hochstellung des Vokals zur Bezeichnung eines zu ergänzendenr (A I, Z. 8), doch wendet er sie alle nur in recht mäßigem Umfang an. Ein Akzent steht nur über dem o in vrön (A I, Z. 2).
Als Satzzeichen findet sich nur der Punkt über der Zeile. Beim Abteilen der Wörter, das richtig durchgeführt ist, wird ein Bindestrich gesetzt.Nach größeren Sinneseinschnitten (A I, Z. 6) und auch sonst zur Hervorhebung einzelner Wörter (A I, Z. 7) sind Majuskeln gebraucht; demselbenZweck dienen die roten Paragraphzeichen (AH, Z. 13 und 18). Die Majuskeln unterscheiden sich von den zugehörigen Minuskeln fast sämtlich durcheigene, weiter entwickelte, aber doch noch ziemlich schlichte Formen und sind wie auch das erste a in A I, Z. 12 alle mit Rot gestrichelt. Infolgedessenist auch das etwas größere v in vnd (A II, Z. 8) nicht als eine Majuskel aufzufassen. Zu Beginn der größeren Abschnitte stehen größere rote Initialen(AI, Z. 1 und 12); sie beleben auf eine einfache Weise das durch die verzierende Lineatur in hellbrauner Tinte (vgl. Tafel XLVIII) gut zusammen-geschlossene Schriftbild.
Der wiedergegebene Text findet sich auf Blatt 12v und 13r der Handschrift.
B. Die kräftige, schlichte Schrift vom Ende des XIII. Jahrhunderts macht den Eindruck einer auf zierliche Ausbildung der Formen ver-zichtenden Geschäftsschrift und ist als eine Art Zwischenstufe zwischen Buchschrift und Kursive anzusehen, mit der sie freilich bei Abwesenheit allersonstigen kursiven Merkmale nur die Verringerung der Größe teilt. Diese Kleinheit ist wesentlich bedingt durch das bescheidene Ausmaß der Pergament-blätter, das seinerseits wieder durch deren Inhalt insofern gegeben ist, als man für die zu häufiger, beschaulicher Lesung bestimmten Mystikertextegerne kleine, handliche Formate und, wie dies auch bei der vorliegenden Handschrift der Fall ist, weiche Einbände bevorzugte, gewissermaßen Vor-läufer der modernen Taschenausgaben. Die Schrift zeigt nicht den in dieser Zeit vorherrschenden gotischen Stilcharakter; sie ist nicht spitz odereckig, sondern rund (vgl. Tafel XXXI B); sie geht nicht in die Länge, sondern in die Breite; sie sucht nicht die Wortbilder möglichst eng zusammen-zuschließen, sondern setzt die einzelnen Buchstaben oft recht lose neben einander; sie gebraucht keine Wilhelm Meyerschen Buchstabenverbindungen,sondern bedient sich nur der alten Verbindungen ee (B I, Z. 4) und ft (B I, Z. 3). Die Anwendung von Zierstrichen ist beschränkt auf eine bescheideneZunge am e (BI, Z. 5) und auf die Fahne des r (B I, Z. 1); in letzterem Fall ist dies durchaus notwendig, um r von der sehr ähnlichen, etwas ungewöhn-lichen Form des t (B I, Z. 4) zu unterscheiden. Auf die gotische Zeit weist nur der Gebrauch des gekrümmten * nach o (B I, Z. 17) und auch nacha (B II, Z. 17). Die geraden Schäfte der Oberlängen sind bald glatt (B I, Z. 1), bald gespalten (B I, Z. 4), bald nur mit einem Ansatz versehen (B I, Z. 11),wie es eben bei der Kleinheit der Schrift dem Schreiber gelingt. Im ganzen sind Ober- und Unterlängen nicht sehr ausgebildet.
Der Hauptbestandteil des a ist sein zweiter Grundstrich, in dessen Biegung der erste so hineingesetzt ist, daß der Anfang des zweiten nochetwas über den ersten hinausragt (B I, Z. 2). Das abgebogene d, das allein vorkommt, ist mitunter besonders klein (B I, Z. 13; B II, Z. 3). Der untereBogen des s-förmig gestalteten g wird durch einen Haarstrich geschlossen (B I, Z. 1), was jedoch des öfteren nicht recht gelingt (B I, Z. 5). Das hgeht nur wenig unter die Zeile. Das i hat keinen Strich oder Punkt. Langes f herrscht noch durchaus, auch am Ende der Wörter. Vokal und Konsonantwird in gleicher Weise durchweg durch v gegeben. Das z zeigt die 3-Form mit einem starken Ansatzhaken.
Überschreibungen sind nicht selten; es begegnet 6 (B I, Z. 8), 8 (B II, Z. 13), v (B II, Z. 7), v (B I, Z. 5). Die übergeschriebenen Buchstabensind verhältnismäßig größer als sonst in diesen Fällen; die breite Feder des Schreibers hätte bei dem Versuch, sie kleiner zu bilden, wohl versagt.Kürzungen wendet der Schreiber im ganzen wenig an; nur in den letzten zwei Zeilen von Seite B II begegnen sie in stärkerem Umfang, da derSchreiber den Text dieses Abschnittes noch auf diese Seite bringen wollte. Für er steht der gekrümmte Haken (B I, Z. 1). Der wagrechte, meist etwasgeschlängelte Strich ist mit m (B I, Z. 4) oder n (B I, Z. 8) aufzulösen, dient aber auch zugleich zur Bezeichnung des Abfalls des letzten Buchstabenin vnd (B I, Z. 5).
Als Satzzeichen begegnet nur der Punkt. Beim Abteilen der Worte wird fast immer ein Bindestrich verwendet, der übrigens, auffallend langund außerhalb des eigentlichen Schriftspiegels gesetzt, von einem späteren Korrektor herrühren dürfte. Trennungen wie glic-her (B I, Z. 9/10), fch-ier(B II, Z. 14/15), gei-stlich (B II, Z. 15/16) entsprechen dem älteren mittelalterlichen Gebrauch; vgl. Tafel XXX und XXXI A. Bei größeren Sinnes-einschnitten sind bescheidene, rote Initialen gesetzt (B I, Z. 1, 10, 13, 16; II, Z. 5, 14); sonst kommen Majuskeln nicht vor. Die Lineatur ist mit hell-brauner Tinte gezogen. Die dazu notwendigen Zirkellöcher sind auf beiden Rändern z. T. noch gut sichtbar. Die Schrift der Rückseiten scheint desöftern durch, besonders B I, Z. 8 und B II, Z. 1—2 und 1—6 am Rand.
Die kursive, wenig geschickte Hand eines späteren Korrektors wird erkennbar in Zusätzen (ze B I, Z. 1; dv B II, Z. 3; 1 in halt B II, Z. 5)wie auch in Änderungen von Buchstabenformen (h in saehen B II, Z. 7; w in wi B I, Z. 6; II, Z. 17; in wan B II, Z. 7), die er dadurch lesbarer zumachen suchte, vielleicht auch, wie erwähnt, in den Bindestrichen; vgl. Tafel XXV und XLVII.
Der Text, in der Handschrift auf Blatt 37v und 38r, steht bei Franz Pfeiffer, Mystiker I, S. 310, Z. 11—27.