YIERTES KAPITEL.
Die Strassburger Weberei in wirthschaftlicher Bezielmng you 1300—1432.
Der volkswirtschaftliche Fortschritt und der vermehrte Gewebebedarf vom 13.-—15. Jahr-hundert. — Die Arbeitsteilung in der Strassburger Uewebeindustrie. — 1) DieWollsehläger. — 2) Die Weber, hauptsächlich im Verhiiltniss zur Hauswoberei undLandweberei und zu ihren Knechten. — 3) Die Walker; der Uebergnng zurmechanischen Walkerei. — 4) Die Tuchscherer. — 5) Die Färber. — 6) die Tucher;ihre Entwicklung aus den Wollschlägern; ihr Kampf mit den Webern; ihr Ver-hältniss zu ihren Knechten und Lohnarbeitern. — Ein Blick auf die Tücher vonSpeier, Freiburg und Konstanz. — Die Produkte der Oberrheinischen und Strass-burger Weberei. — Der Strassburger Gewebehandel. — Das Kaufhaus. — DieUnterkäufer. — Statistik der Strassburger Tucher gegen 1400—1432.
Wir haben im ersten Kapitel, wenigstens mit ein paar Strichen, anzudeutengesucht, welche Veränderungen in der Bekleidung der Germanen und im sonstigen Be-darf an Geweben für das häusliche Leben von der Zeit des Tacitus bis ins 10. und 11.Jahrhundert stattgefunden haben. Ein mindestens eben so grosser Fortschritt vollzogsich vom 13. Jahrhundort an.
Die volkswirthschaftliche Veränderung überhaupt, die das deutsche Volk im13. —14. Jahrhundert erlebte, ist wohl, abgesehen von der Gegenwart, die grösstehistorisch nachweisbare. Erst im 13. Jahrhundert gewann das städtische Leben einenbeherrschenden Einfluss auf die ganze Volkswirtschaft: die Landwirtschaft, der Ver-kehr auf den kleinen Märkten, wie der Handel im Grossen, die Gewerbe wurden mit anderenMitteln und anderem Erfolg als früher betrieben; die Technik und Arbeitstheilung schrittausserordentlich rasch vorwärts, die sociale Gliederung uud Klassenbildung nahm andereFormen an. Das städtische Haus schied erst im 13. Jahrhundert sich vom ländlichenBauernhaus; die Bedürfnisse in Haus und Hof, an Tisch und Bett wurden grössere,künstlichere und künstlerischere, wurden jetzt erst die eines Kulturvolkes. Aus derkirchlichen Baukunst und der ritterlichen Dichtkunst erblühte ein verklärtes höheresKulturleben auf allen Gebieten des Lebens. Und was im 13. Jahrhundert in engerenKreisen begann, das setzte sich im 14. und 15. in weiteren fort, vom Süden nach Norden,vom Westen nach Osten, von den grossen Städten nach den kleinen, von den kleinenaufs platte Land, von den Fürstenhöfen in die bürgerlichen und zuletzt in die bäuerlichenKreise. Der idealen Blüthe deutscher Poesie gegen 1200 war gegen 1300 die materielleLust an Besitz und Genuss gefolgt. Vor allem in den Städten erwachte ein Luxus,eine Ueppigkeit, eine Verschwendung, die einerseits von Vielen beklagt, doch anderer-