Druckschrift 
Die deutschen Geisslerlieder : Studien zum geistlichen Volksliede des Mittelalters
Entstehung
Seite
10
Einzelbild herunterladen
 

10 Voraussetzungen und Grundlagen des deutschen Geißlerliedes.

Bild. 'Non erano collegi o sodalizj, ma popolazioni intere' sagtd'Ancona mit Recht von den ersten Geißlern 1 ). Aber eben-falls aus den Anfängen der Bewegung ist uns bezeugt, daß sichdie Disciplinati zu festen Bruderschaften zusammentaten; fürdas Jahr 1260 ist das Entstehen einer ganzen Reihe von ihnenüberliefert *). Die älteste, die 'Disciplinati di Gesu Cristo', tratin Perugia schon um die Wende von 1259 un( ^ I 26o ins Leben,angeblich von Fasani selbst gegründet. Aber auch diese Bruder-schaften selber sind offenbar in verschiedenen Formen zu denken.Es hat anscheinend Arten von Bruderschaften gegeben, die andie deutschen Geißler von 1349 erinnern: man schloß sich nurfür eine bestimmte Zeit zusammen und trug die Bewegung inder Weise voran, daß die Geißlerschaft einer Stadt nur dieNachbarorte heimsucht und von ihnen aus neue Scharen sichin Marsch setzen./ Nach vielfältigen Nachrichten 3) muß dasdie Hauptform für das Wuchern der Bewegung gewesen sein,und das versteht sich gerade auf Grund der politisch-sozialenUrsprungsbedingungen des italienischen Geißlertums sehr gut.Aber daneben hat es offenbar von allem Anfang an Disciplinaten-bruderschaften gegeben, die als Dauereinrichtungen ins Lebentraten und gleich mit der Gründung die festgefügten, durchStatuten geregelten Formen gewannen, wie sie uns ein paarJahrzehnte später sicher bezeugt sind. Die Institution derLaienbruderschaften war damals in Italien etwas längst Be-kanntes; Gesellschaften der 'Laudantes' gab es manchenorts. Esist ganz deutlich, daß die späteren Disciplinatenbruderschaftenin weitem Umfang die Tradition dieser 'Laudesi' fortsetzen.So ergibt sich die doppelte Möglichkeit, daß Geißelbruder-schaften nach dem Vorbild der Laudesi in festen Formen sichauftaten, oder daß Laudesengenossenschaften sich unter dem

1) Alessandro d'Ancona, Origini del teatro italiano, 2. Ausgabe (Turin1891) 1, 107.

2) Vincenzo de Bartholomaeis, Le origini della poesia drammaticaitaliana (Bologna 1924) S. 236.

3) Vgl. z. B. die Annales Piacentini Gibellini zum Jahre 1260:Eodem tempore inceperunt venire de versus Romam homines nudi, qui se decoriis verberabant, invocantes pacem et beatam Mariam; qui venerunt usqueBononiam. Quo viso Bononienses ceperunt et ipsi tarn milites quam pedites etomnis turba se eodem modo verberare, et inde venerunt Bononienses usque Mutinam.Similiter Mutinenses illud idem fecerunt veniendo usque Regium usw. Mon.Germ. SS. 18, 512.