T"
HALTLOSIGKEIT DER ANKLAGEN GRISARS
981
Unechtheit des im Frate wirksamen Geistes sollen nach Grisarnicht nur die durch ihn hervorgerufenen „Torheiten", namentlichdie Prozession von 1496 mit den Tänzen und Gesängen, sondernauch die Nichterfüllung mancher Prophezeiungen sprechen, wiedie von der Bekehrung der Türken. Er vergißt, daß die von ihmbemängelten „Torheiten" wahre Kinderspiele gegenüber den Son-derbarkeiten waren, die von alttestamentlichen Propheten berich-tet werden 172 , deren Weissagungen sich ebensowenig alle erfüllten,weshalb selbst Theologen aus dem Jesuitenorden zugaben, diegöttliche Sendung eines Propheten werde durch das Nichteintre-ten mancher Voraussagungen nicht berührt 173 . Er vergißt über-dies, daß es namentlich im Leben Innigos von Loyola und ver-schiedener Heiligen seiner Gesellschaft keineswegs an Sonderbar-keiten auffälligster Art mangelt, welche denen des Frate nichtS t nachstehen. Was aber gegen die höhere Berufung des Frate und
W seine Heiligkeit in den Augen Grisars den Ausschlag gibt, das ist
Jf* sein Ungehorsam, der durch die neuen Akten „erschwerende Um-
setzte: stände erhalte und sich noch mehr als früher als bewußter und
be» klug vorbereiteter" herausstelle. Habe er doch im Februar 1496
tt eher dem päpstlichen Verbote zum Trotz auf Anordnung der Signorie
ftiii. die Kanzel wieder betreten. „Es flössen damals die bekannten,
wil furchtbar aufgeregten Ergüsse seines Zornes gegen den Papst aus
iiJtäü seinem Munde. Alexander, rief er, sei gar nicht Hirte und ver-
trete nicht die römische Kirche; er selbst gehorche Gott und nichtden Menschen. Dieses Toben hatte, wie uns scheint, nur den psy-chologischen Zweck, ihm selbst den Mut zu vermehren und dieEinsprüche seines Gewissens zurückzudrängen. Ob ihm ebensoleicht der Sieg über inneres Widerstreben gelang, als er später derExkommunikation zum Trotze auf Weihnachten die drei heiligenMessen feierte und die Kommunionen spendete, das weiß der,welcher in das Innere sieht." Mit Grisar über den Gehorsam zustreiten, hätte keinen Sinn; im Einklänge mit dem heiligen Tho-mas vertrat der Frate nun einmal einen Standpunkt, der vom Ge-horsamsbegriffe der Jesuiten allerdings wesentlich abwich. Esgenüge die Feststellung, daß Savonarola die ihm von Grisar inden Mund gelegten Äußerungen niemals tat, und weder im Früh-jahr 1496 noch sonst irgendwann auf der Kanzel getobt hat, wo-von sich jedermann, der die Predigten aufmerksam liest, unschwerüberzeugen kann. Jedenfalls darf das Urteil über die psychologi-