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2 (1924) Das Streben
Entstehung
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XXX. Kapitel.DER PROPHET.

Wer darf das Kind beim rechten Namen nennen?Die wenigen, die was davon erkannt,Die töricht genug ihr volles Herz nicht wahrten,Dem Pöbel ihr Gefühl, ihr Schauen offenbarten,Hat man von je gekreuzigt und verbrannt.

Goethe.

Der auffälligste Zug im Leben und Wirken Savonarolas ist seinProphetentum. Nirgends tritt der Fortschritt der Weltanschauungund der Unterschied zwischen seiner und unserer Zeit deutlicherzutage als in der Stellung seiner Zeitgenossen und unserer Ge-genwart zu der von ihm in Anspruch genommenen höheren Sen-dung. Die rationalistisch-naturwissenschaftliche Denkart, die heut-zutage selbst die Gläubigsten oft mehr, als sie selbst ahnen undzugestehen, beherrscht, bringt es mit sich, daß sie für gewöhn-lich an die Erscheinungen des täglichen Lebens die nüchternenMaßstäbe des natürlichen Geschehens anlegen und Männern, diemit der Versicherung auftreten, das sterblichen Augen undurch-dringliche Dunkel der Zukunft mit dem göttlichen Lichte derWeissagung zu erhellen, zunächst mit stärkstem Mißtrauen be-gegnen. Das Mittelalter kannte solche Bedenken nicht 1 . In derchristlichen Wunderwelt wurzelnd, war es im Gegenteil auf dasCharisma der Prophetie" ( 1 Kor. 14, 1 ff.) stolz, in dem es einaugenscheinliches Kennzeichen der Ausrüstung der Kirche mitjenem heiligen Geiste besaß, den ihr der Erlöser so oft und feier-lich verheißen und am Pfingstfeste zu festem Besitze für alleZeiten verliehen hatte, der Erklärung des Apostelfürsten gemäßdas Wort des Propheten erfüllend:Und in den letzten Tagensoll es geschehen, spricht Gott, da will ich von meinem Geisteausgießen auf alles Fleisch, und eure Söhne und Töchter sollenweissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eureGreise Träume schauen. Ja wahrlich, auf meine Knechte und