XXXII. Kapitel.DER KIRCHENERNEUERER.
So wirkt mit Macht der edle MannJahrhunderte auf seinesgleichen,Denn was ein guter Mensch erreichen kann,Ist nicht im engen Raum des Lebens zu erreichen.
Goethe.
A) Das kirchliche Verderben.
Wie man die Kirchengeschichte als ununterbrochenen Abfallvon den hehren Idealen ihrer Urzeit bezeichnen kann, so darf mansie auch als das fortgesetzte Bemühen kennzeichnen, ihre alteReinheit und Größe neu zu erwecken. Die schwersten Wundenhatte der Kirche zuletzt noch das babylonische Exil und die abend-ländische Kirchenspaltung geschlagen, und wenn es dem Konzilvon Konstanz auch gelungen war, die kirchliche Einheit wiederherzustellen, so war doch die von allen Gutgesinnten so heiß er-sehnte Erneuerung an Haupt und Gliedern gänzlich gescheitert.Vergeblich hatte Johann Wiclif, „der Morgenstern der Reforma-tion" (f 1380), unter Berufung auf die Predigt Jesu und seinerJünger den sündhaften Besitz der Geistlichkeit als die Wurzelalles Übels verdammt und das Heil von der Rückkehr zur aposto-lischen Armut und Einfachheit erwartet. Er scheute sich nicht,den Papst, das vollendete Gegenspiel Jesu, als den Antichrist zubrandmarken, und sandte Geistliche und Laien aus, die barfußpaarweise in Dörfer und Städte zogen, um die Gläubigen im ein-fältigen Worte Gottes zu unterweisen. Da er aber zugleich diekirchliche Abendmahllehre angriff, so erweckte er Mißfallen undArgwohn und brachte sich um die Frucht seiner Reformbestre-bungen; ebensowenig war seinen Anhängern ein Erfolg beschie-den, als sie nach seinem Tode das Parlament um Zurückführungder Kirche zur Vollkommenheit ihres Anfangs ersuchten. Hushatte die strengen Grundsätze seines englischen Meisters in Böh-men wiederholt und zu Konstanz mit dem Martertode in den