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DIE VEREHRUNG DES TOTEN
Der Ordensmeister Turriani gebot, bei den Brüdern von S. Marco,Fiesole und Prato mit den strengsten Kirchenstrafen nach demVerfasser zu fahnden und auch seine Gönner, Ratgeber und Hel-fershelfer, die den Druck besorgt hatten, zu ermitteln 6 , doch blie-ben die Nachforschungen, wenn sie überhaupt ernsthaft ange-stellt wurden, ohne Erfolg. Noch größeren Unwillen erregte inRom die Predigt, welche Stephan von Codiponte zu Lucca überden Text: „Jerusalem, Jerusalem, das du die Propheten tötest"(Matth. 23, 37), gehalten hatte. Die Predigt wurde nachgeschrie-ben und sofort nach Rom gesandt, wo sie solche Empörung her-vorrief, daß der Ordensgeneral nicht zweifelte, Stephan würde,wenn er inzwischen nicht schon gestorben wäre, in der Zahl derVerbrannten der vierte geworden sein 7 . Nicht viel später erschienein Schriftchen im Drucke mit dem Titel: „Reden darf ich nicht,und schweigen kann ich nicht 8 ", das zwar noch über die Fort-dauer der harten Verfolgungen klagte, denen die treuen Piagnonenausgesetzt waren, aber doch schon das Morgenrot einer besserenZeit begrüßen zu dürfen glaubte*.
Ein herzhaftes Bekenntnis stellte die Schrift dar, welche der No-tar Bartholomäus Redditi (f 1523) im Jahre 1501 verfaßte, um inForm einer Auslegung des Ps. (115): „Credidi, propter quod locu-tus sum" einen kurzen Abriß der Lehre Savonarolas zu geben 10 .Trotz der schweren Zeiten, die über die Piagnonen hereingebro-chen waren, hielt Redditi unerschütterlich am Propheten fest,überzeugt, daß er seit den Zeiten der Apostel seinesgleichen über-haupt nicht gehabt habe und nicht so fast ein Mensch, denn viel-mehr ein Engel vom Himmel zu nennen sei, dem florentinischenVolke ebenso als Führer und Berater von Gott gesandt, wie einstMoses den Israeliten. Daß die Sache des Frate die Sache Gottesist, lehrt schon ihre überraschende Übereinstimmung mit demAlten und Neuen Bunde. Dazu tritt die auffallende Erfüllung vie-ler seiner Voraussagungen, und wenn andere bis jetzt noch nichteintrafen, so spricht alles dafür, daß dies in absehbarer Zeit ge-schehen wird. Redditi weiß sich überdies, seitdem er den Wortendes Frate gelauscht, im Verständnis der ihm früher so dunklenund rätselhaften Heiligen Schrift mächtig gefördert, wie er ansich und anderen die Beobachtung macht, daß sie, sobald sie imEifer für die Predigt des Gottesmannes erkalten, lau und nachläs-sig im christlichen Wandel werden. Er stellt die Tatsache fest,