Druckschrift 
2 (1924) Das Streben
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

NATURALISMUS DER KUNST

8o5

im',

der größte Künstler nie ganz zu erreichen, geschweige zu übertref-fen vermag.Die Kunst", sagte er 13 ,ahmt die Natur nach, sosehr sie kann. Ich verweise dich zum Beispiel auf den Malerund seinen Lehrling. Sage mir, was sucht der Lehrling beimMaler, seinem Meister? Seine Kunst sucht er. Wie wird er dennnun diese Kunst erlangen, da sie doch im Geiste des Meisters undin seinen Händen als seinen Werkzeugen ruht? . . . Der Meisterbringt aus seinem Geiste und mit seinen Händen ein Bild zuPapier, das der Idee und dem Bilde gleicht, das er im Geiste trägt.Der Jünger aber hält sich nun an dieses äußere Bild und trachtetseinen Meister nachzuahmen, und so eignet er sich allmählich ander Hand solcher Muster die Kunst seines Meisters an. So sind allenatürlichen Dinge und alle Geschöpfe dem Geiste Gottes entsprun-gen, Gott trug sie zuvor in sich, denn seit Ewigkeit trug und trägter die Idee und Ähnlichkeit aller Dinge in sich, die er schuf. Da-her brachte er, als es ihm gefiel, diese Ideen und Bilder als Musteräußerlich zu Papier, als er die Welt erschuf. Wohlan, wir wollenGott nachahmen, den wir nicht sehen. Wie stellen wir dies an?Wir betrachten die Zeichnungen, die Muster und Vorbilder, die eruns in der Schöpfung vorlegte, d. h. wir ahmen die natürlichenDinge nach, wie der Maler, der nach einem Baume oder nacheinem Menschen als seinem Modelle sein Bild malt. Bemerke je-doch, daß die Kunst die Natur nicht in allem zu erreichen vermag,mag der Künstler noch so vollendet sein. Denn so ähnlich derMaler einen Menschen auch darstellen mag, es fehlt ihm das Leben.Du siehst, wie die Bienen den Honigkuchen mit seinen wunder-baren Häuschen bereiten und den Honig hineinlegen. Ein Wachs-künstler wird etwas Ähnliches schaffen, aber doch nicht durchweg,denn er kann den Kuchen mit dem Honige darin nicht herstellen,so wie die Bienen es machen."Bufe mir ein wenig einen Malerher 14 ! Komm her, Maler! Könntest du eine Weintraube malen?. . . Könntest du ihr eine Farbe geben, daß sie wie eine wirklicheaussieht? Die Maler, besonders die tüchtigen, haben gewisse Far-ben, die einen Glanz verleihen und dem Gegenstande ein lebendi-ges Aussehen geben. Laß dir nun von einem Bildhauer eine Wein-traube fertigen, die wie eine wirkliche aussieht, laß sie dann voneinem Maler mit einer Farbe bemalen, daß sie wie eine natürlicheTraube aussieht, und hänge sie nun in eine Laube! Wenn nun einVogel herfliegt, an welcher wird er picken? Er wird sich an die