Druckschrift 
2 (1924) Das Streben
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

r^H

RANGORDNUNG DER WISSENSCHAFT

765

eine mechanische und in eine sittliche, welch letztere in ersterLinie die Politik, die Lehre von der Verwaltung des Staatswesens,die Ökonomik, die Lehre von der Leitung des Hauswesens undder Familie, und endlich die Ethik, die Lehre von der Gestaltungdes Einzellebens, umfaßte.

Keine Wissenschaft oder doch nur eine solche im weitesten Sinnedes Wortes ist die Grammatik, da die Bedeutung der Wörter demBelieben der Menschen unterworfen und daher rein willkürlich undveränderlich ist, während die Wissenschaft doch nur das Dauer-hafte und Unveränderliche zum Gegenstande hat. Die Theologieober ist unter diese Wissenschaften nicht einzureihen, da sie nichtder Niederschlag menschlicher Forschung und Geisteskraft ist undsich mit jenem höchsten Gute beschäftigt, das alles menschlicheFassungsvermögen übersteigt. Sie faßt in den Geschöpfen nichtihre Wesenheiten, Eigenschaften und nächsten Ursachen ins Auge,wie die Philosophie dies zu tun pflegt, sondern betrachtet in ihnenhauptsächlich Gottes Macht, Weisheit und Güte, getragen von demgöttlichen Lichte, das den Verstand mit seinem übernatürlichenLichte erleuchtet und den Geist von jedem Makel läutert, so daßer in den Geschöpfen wie in einem Spiegel den Schöpfer schaut undsich über alle Höhen der Erde in den Schoß der heiligsten Drei-faltigkeit emporschwingt. Im übrigen schließt sich der Frate mitseiner Einteilung an die durch Albert den Großen und Thomasverbesserte aristotelische Gliederung an und unterscheidet sichvon den Gelehrten, die vor ihm denselben Gegenstand behandelthatten, einmal durch Ausscheidung der Grammatik, die er alsUnter-, und der Theologie, die er als Überwissenschaft auffaßt, so-dann durch Einreihung der Musik und Astronomie, die bisher zurMathematik gerechnet worden waren, in die Mitte zwischen Natur-wissenschaft und Mathematik 12 .

Mit der Einteilung der Wissenschaften ist nun auch schon derWeg zu ihrer Rangordnung geebnet 13 , bei welcher sich der Fratenicht von pädagogisch-didaktischen Erwägungen, sondern vondem aristotelischen Grundsätze leiten läßt, daß die spekulativenWissenschaften, die um ihrer selbst willen da sind und der Be-trachtung der Wahrheit an sich dienen, über den praktischen, dienur Mittel zum Zwecke sind, stehen müssen 14 . Unter ihnen hin-wiederum gebührt jenen die vornehmere Stelle, die einen vor-nehmeren Zweck verfolgen, weshalb die moralischen, die auf Ver-