Druckschrift 
2 (1924) Das Streben
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

^^m

7 48

DER STAATSMANN

Wie in der Gesellschafts- und Wirtschaftslehre, so schließt sichder Frate auch in der Staatslehre 7 aufs engste an Aristoteles undThomas an. Wie für sie, so fallen für ihn Staat und Stadt zusam-men. Ein einzelnes Hauswesen, erklärt er mit Thomas, vermag diezum Leben nötige Befriedigung der verschiedenen Bedürfnissenoch nicht zu gewähren, auch eine Mehrheit von Hauswesen istdazu noch nicht imstande; ein vollkommenes Gemeinwesen ist erstdie Stadt, die alle zum Lebensunterhalte erforderlichen Gewerbeund Handwerke in sich birgt. In seiner wirtschaftlichen Leistungerschöpft sich nun aber die Aufgabe eines solchen Gemeinwesensdurchaus nicht; was es zum Staate stempelt, das ist der erhabenesittliche Zweck, der ihm innewohnt. Mit Aristoteles und Thomas 8legt der Frate auf die sittliche Bedeutung des Staates das allergrößteGewicht. Der Staat dient ihm wesentlich zur Förderung des Men-schen als solchen, d. h. seiner ihn vom Tiere unterscheidenden ver-nünftigen Seite, ein sittliches und tugendhaftes Leben zur Errei-chung der ewigen Glückseligkeit ist also sein Hauptzweck 9 . Ebendazu sind auch die Gesetze gegeben, denn ohne sie ist der Menschdas niederträchtigste aller Lebewesen, und jedes menschliche Zu-sammenleben wäre undenkbar, wenn die Furcht vor dem-Gesetzeund die Folgen seiner Übertretung nicht Ordnung schüfe. Daherist der als der größte Wohltäter der Menschheit zu preisen, der denStaat mit seinen die Bürger zur Tugend anhaltenden Gesetzen insLeben rief, denn das Gut, das der Staat vermittelt, ist das höchsteunter allen menschlichen Gütern 10 . Die mannigfache Aufgabe desStaates führt notwendig zu einer weitgehenden Arbeits- und Be-rufsteilung, denn da sich nicht alle durch Verstand auszeichnen,so muß es Berater geben, und da andere ihren Leidenschaften undLastern frönen, so sind Richter und Aufseher vonnöten. Einigemüssen reich sein, andere Gewerbe treiben oder der Musik oblie-gen, um die Gemüter zu erfreuen; die Bauern sorgen für die Le-bensmittel. Die Sicherheit wider die Feinde verbürgen die Soldaten,die daher ganz unentbehrlich sind und ihr Leben um des Gemein-wohles willen in die Schanze schlagen, weshalb sie besondereEhren und Vorrechte verdienen. Auch Priester muß es geben zurBesorgung des Gottesdienstes. Bei Gründung einer Stadt ist vorallem auf ein gemäßigtes Klima zu sehen, um die Bewohner ge-sund, langlebig und zugleich klug zu erhalten. Ferner soll derBoden zum Ackerbau geeignet sein, denn es ist für eine Stadt