74=
DER KIRCHENERNEUERER
war? Daher haben denn auch der römische Klerus unddie Prälaten keinen Grund, für ihre Güter und Pfrün-den zu bangen. Der Einsiedler versichert ausdrücklich, die römi-schen Laster aus eigener Anschauung wohl zu kennen. Gleichwohlsoll weder die Kirche um der Fehltritte des Priestertums willenihrer Güter entkleidet, noch Rom verworfen werden; das SchifTleinPetri kann wohl mit Gottes Zulassung schwanken, aber um derVerdienste Christi willen nicht untergehen. Wenn sich die Laienüber die Sünden des Klerus beklagen, so ist das nur Neid gegen-über der süßen Knechtschaft und dem milden Joche Christi; siehassen den Klerus, weil ihnen dünkt, er esse sein Brot ohneSchweiß, eine Scheelsucht, die schon von Bonifaz VIII. in seinerbekannten Bulle „Clericis laicos" gebrandmarkt wurde. Und dochwollen gerade sie selbst ihre süßen Ehen nicht lassen noch ChristiJoch auf sich nehmen. Übrigens bemühten sich schon viele heiligePäpste vergeblich, Rom von seinen Buhlerinnen und Sünden zusäubern, wie ja auch Clyistus nicht imstande war, Jerusalem zureformieren; daher bleibt nichts übrig, als daß die Päpste dieLaster der Spanier, Deutschen, Ungarn und anderen barbarischenNationen in der ewigen Stadt, die eben als Weltstadt der Sammel-platz aller Sünden ist, auch fürder ertragen. So mögen denn dieLästerer der römischen Kurie ihren Schmähungen Einhalt tun,denn wer den Papst schmäht, der schmäht Christum; der römischePapst richtet alle, ohne selbst einem Richter zu unterstehen. Wenndie Leute, die jetzt nach Armut schreien, in der HeiligenSchrift bewandert wären, so müßten sie wissen, daß Gottschon im Alten Bunde an kostbaren Gewändern und präch-tigen Tempeln Gefallen zeigte. Endlich birgt Rom nebenallen Lastern auch alle Tugenden, neben vielen Gottlosenauch viele Heilige, und wenn es auch nur zehn dort gäbe,so würde die Stadt doch schon um ihretwillen verschont.In seiner „Rede für das Laterankonzil gegen die pisanische Win-kelversammlung 223 " sprach sich der Einsiedler näher darüber aus,wie er sich die Reform dachte. Er schlug vor, die die kirchlichenPfründen belastenden Pensionen zu verbieten, der Zersplitterungdes Ordenswesens zu steuern, die Dispensen einzuschränken undLeben und Sitten der Welt und Ordensgeistlichen zu bessern; wiedenn eine solche Besserung herbeigeführt werden solle, darüberfreilich schwieg er sich vollständig aus. Der von vielen beantragten