STIMMEN GEGEN DIE KIRCHENREFORM
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„der Kirche Gottes an Gebresten vorwerfen, das wurzelt in dermenschlichen Gebrechlichkeit. Der lasterhafte Priester hat, wenner nur seinen Glauben bewahrt, nicht weniger Kirchengewalt alsder gerechte und heilige, mag er auch weniger Verdienste erwer-ben. Heller denn je zuvor leuchtet heute die römische Kirche imSchmucke unzähliger Tempel, frommer Klöster und prächtigerZeremonien." Kaum hatte der Franziskaner Julian von Muggia1492 zu Mailand in seinen Fastenpredigten unter dem größtenBeifalle der Gläubigen von der Notwendigkeit einer kirchlichenReform gesprochen, das üppige Leben des päpstlichen Hofes ge-tadelt, Rom ein habsüchtiges Babel genannt und geäußert, es wärevielleicht besser, wenn der Heilige Stuhl arm wie am Anfange wäre,als er auf Betreiben seines Ordensgenerals Peter vonViglevano feier-lich widerrufen mußte 218 . Christus, bemerkte der florentinischeDichter Bernhard Belincioni hierzu bitter 219 , wurde in einemStalle geboren, sie aber, die Pharisäer von heute, in Daunen. Wohlkonnte Konstantin Schenkungen an die Kirche machen, doch wardiese nicht befugt, sie anzunehmen. Jedermann ist froh, wenn esden reißenden Wölfen an den Kragen geht mit ihren falschenReliquien und Schwindeleien.
Gegen eine Reform war auch Angelus der Sünder von Vallum-brosa. Es ist das Gerücht verbreitet, schrieb er 220 , die Kirche solleihrer weltlichen Zierden und Güter beraubt, Rom zerstört undverworfen und dafür Jerusalem auserwählt, der Klerus aber zusolcher Armut und Dürftigkeit erniedrigt werden, daß er sichseinen Unterhalt und selbst das Brot durch Bettel erwerben müsse.Diese Anschauung geht hauptsächlich auf den Abt Joachim (vonFiore) zurück, aus dem Savonarola seine falsche Prophetie vonder Zerstörung oder vielmehr Verwerfung Roms schöpfte; in ähn-lichem Sinne sprachen sich der selige Thomasuccio 221 , Jacopone 223u. a. aus. Auf solche Prophezeiungen ist jedoch nichts zu geben,da sie offenbare Irrtümer enthalten. Dies zeigt sich ganz besondersauch am Beispiele der heiligen Brigitta; sind ihre Schriften, wasdahingestellt bleiben mag, echt, so sprach sie wie eine Frau undnicht „wie eine Prophetin. Oder wem soll man mehr glauben —ihr oder der heiligen Katharina von Siena, da den Offen-barungen der einen zufolge die heilige Jungfrau mit, denender anderen gemäß ohne Erbsünde geboren ward, so daßalso jedenfalls eine von beiden in Täuschung befangen