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ERNEUERUNG DER GLÄUBIGEN, NICHT DES GLAUBENS 721
Gläubigen im Sinne einer gewaltsamen Umkehrung der bestehen-den Ordnung dachte er nicht. Die kirchliche Erneuerung warihm kein menschliches, sondern göttliches Werk; der Menschkann da nur beten 101 . Am allerwenigsten konnte eine Änderungder Lehre für ihn in Betracht kommen. Als begeisterter Domini-kaner und treuer Sohn des heiligen Thomas stand er mit beidenFüßen auf dem in seinen Augen unerschütterlichen Boden deskatholischen Glaubens, dessen Verteidigung er sich nicht bloß inseinen Predigten, sondern auch in seiner Schrift „Trost meinerPilgerschaft", sowie in seinem apologetischen Hauptwerke„Triumph des Kreuzes" angelegen sein ließ. Nichts empfand erschmerzlicher als den Vorwurf der Ketzerei. Noch niemals, be-teuerte er 102 , habe es unter den Dominikanern einen Ketzer ge-geben, vielmehr habe sich Gott des Ordens zum wiederholtenmalbedient, um der Kirche Erleuchtung und Erneuerung zuströmenzu lassen, und so geschehe es jetzt. Der Gedanke an einen An-griff auf die kirchliche Lehre lag ihm schon um seiner grenzen-losen Verehrung für die Heilige Schrift vollkommen ferne. Seinemfrommen Kindessinne fiel die Kirchenlehre völlig mit der Schriftzusammen; daß sie das Ergebnis einer langwierigen geschieht-liehen Entwicklung sei, davon hatte er keine Ahnung. Wie er dieKirche nach dem Vorgange des heiligen Thomas 103 als die einebetrachtete, die alle Jahrtausende des Alten wie Neuen Bundesgleichmäßig umfaßte und vom Anbeginn der Welt bis zum Endereichte, so war ihm auch der Glaube über allen Wechsel derZeiten erhaben. Was wir heute glauben, das, meinte er 104 , glaub-ten auch schon die Patriarchen, denen im Laufe der Zeiten dieApostel und die heiligsten und weisesten Männer folgten, und erzog es vor, mit ihnen zu irren, als mit anderen recht zu haben.So felsenfest war er von der Wahrheit des christlichen Glaubensüberzeugt, daß er sich nicht vom Flecke rühren zu wollen be-teuerte 105 , wenn es gälte, ihn durch die Auferweckung eines Totenbekräftigt zu sehen. Ausdrücklich forderte er, dieser Glaubemüsse sich auf alle Lehrsätze der römischen Kirche erstreckenund jeden Zweifel ausschließen; wer auch nur ernstlich zweifle,der gehöre der Kirche schon nicht mehr an 106 . Er dachte so wenigdaran, sich von ihr zu trennen, daß er sich selbst wie seine Schrif-ten und Predigten feierlich dem Urteile des römischen Stuhlesunterwarf und jedermann für verdammt erklärte 107 , der sich