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DER KIRCHENERNEUERER
(Matth. 15, 12, 14)." Demnach darf man freilich niemand inWort oder Tat in dem Sinne zum Anstoße gereichen, daß manihm Gelegenheit zum Falle gibt. Wenn aber das Ärgernis, sagtder heilige Gregor 97 , aus der Verkündigung der Wahrheit ent-steht, so muß man lieber das Ärgernis mit in den Kauf nehmen,als die Wahrheit im Stiche lassen. Überdies tat Christus, indemer die Schriftgelehrten und Pharisäer öffentlich rügte, seinerPredigt nicht bloß keinen Abtrag, sondern steigerte im Gegenteilihre Wirkung, da sich das Volk, sobald es ihre Laster erfuhr, umihrer Rede willen nun nicht mehr so leicht von der PredigtChristi abbringen ließ, der sie stets widerstrebten. Wenn derApostel (1. Tim. 5, 1) sagt: „Einen Greis d. h. einen Vorgesetzten,tadle nicht, sondern ehre ihn wie deinen Vater," so gilt dies nurvon solchen Greisen, die es nicht nur ihrem Alter und ihrer Stel-lung, sondern auch ihrer Ehrbarkeit nach sind (Num. 11, 16).Diese unanfechtbare Lehre des Engels der Schule machte sichder Frate vollständig zu eigen, nach ihr richtete er seine Predigtwie sein tatsächliches Verhalten ein. Auf sie berief er sich nichtnur, indem er seine jungen Freunde zum Einschreiten gegen dieöffentlichen Laster anspornte 98 , auf sie verwies er auch 99 , wennes galt, zum rücksichtslosen Kampfe ohne alles Ansehen der Per-son die Prediger anzufeuern, denen er die heilige Pflicht auf-erlegte, das Gewissen der Kirche zu bilden, und denen er mit un-beugsamem Freimute voranleuchtete, der apostolischen Mahnunggetreu: „Predige Gottes Wort nachdrücklich, sei es gelegen, sei esungelegen!" (2 Tim. 4, 2).
C. Lehre und Verfassung. Der kirchlicheGehorsam und seine Grenzen.
„Das Alte muß verschwinden und alles neu werden! Singetdem Herrn ein neues Lied!" (Ps. 95, 1), so rief der Frate aus 100 ,als er sein Reformwerk in Angriff nahm. Alles sollte neu werdenund alles Alte verschwinden, und doch sollte alles beim alten blei-ben. Die Herzen sollten sich wandeln, nicht die Kirche. Die Men-schen sollten sich ändern, nicht Lehre oder Verfassung. Nur voneiner Erneuerung der Christen versprach er sich eine Erneuerungder Christenheit. Das war die einzige Neuerung, die der Frate imSchilde führte; er plante keine andere. An eine Selbsthilfe der