DIE PFLICHT BRÜDERLICHER ZURECHTWEISUNG
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eine Lehre sein 94 . Diese Überzeugung schöpfte er aus dem heili-gen Thomas 95 , dem zufolge schlechte Prälaten unter Umständenzu Rede gestellt werden dürfen und müssen. Eine solche brüder-liche Zurechtweisung, Correctio fraterna, ist der notwendige Aus-fluß jener christlichen Nächstenliebe, die uns nach der Versiche-rung des heiligen Augustin im Buche vom Gottesstaate 98 verpflich-tet, dem Nächsten in schwerer leiblicher oder sittlicher Not zuHilfe zu eilen. Diese Pflicht brüderlicher Zurechtweisung obliegtnun aber der ausdrücklichen Lehre des Aquinaten zufolge nichtetwa nur dem Oberen gegenüber dem Untergebenen, sondernebenso dem Untergebenen gegenüber dem Oberen, wie das Ver-halten des Paulus gegenüber dem Petrus, dem ersten und größtenPapste, beweist (Gal. 2, 11 f.). Allerdings darf man geheime Sün-den der Oberen in der Predigt nicht aufdecken, um ihren gutenRuf in den Augen der Gläubigen nicht zu schmälern. Wenn sichdie Vorgesetzten aber durch ihre öffentliche Sündhaftigkeit umihren guten Ruf selbst schon gebracht haben und durch ihrschlechtes Beispiel den christlichen Glauben gefährden, dann isteine weitere Rücksicht auf sie nicht mehr angebracht. Wohlwendet man ein, es sei nicht zulässig, daß ein Untergebener seinenPrälaten zurechtweise, denn das hieße nach Ps. 72, 9 „sein Maulin den Himmel erheben" und den Oberen ärgern. Allein, be-merkt Thomas, diese Einrede ist durchaus hinfällig, denn sofernsie sündigen, sind die Prälaten eben nicht mehr ,,der Himmel"und verdienen eine Zurechtweisung, und wenn sie sich hierüberauch ärgern, so geht doch das Heil der Menge der Ruhe einzelnervor. Wenn daher manche durch ihre Liederlichkeit das Heil derMenge gefährden, so braucht kein Prediger oder Lehrer, dem esum das Heil des Volkes zu tun ist, Bedenken zu tragen, ihnenzu nahe zu treten. Die Schriftgelehrten, Pharisäer und jüdischenFührer gefährdeten durch ihre Bosheit das Heil des Volkes aufshöchste, da sie der Predigt Jesu, der einzigen Quelle des Heils,Widerstand leisteten und durch ihre Schlechtigkeit die öffentlicheSittlichkeit untergruben. Darum predigte der Herr die Wahrheit,selbst auf die Gefahr hin, Anstoß bei ihnen zu erregen, undgeißelte ihre Laster. Auf die Frage der Jünger: „Weißt du, daßdie Juden an deiner Predigt Ärgernis nehmen?", erwiderte derHerr: „Laßt sie, Blinde sind sie und Blindenführer. Wenn aberein Blinder den anderen führt, so fallen sie beide in den Graben