Druckschrift 
2 (1924) Das Streben
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

7*4

DER KIRCHENERNEUERER

Tag. Mit solcher Andacht und mit so schönen Zeremonien feierteman die Messe, daß es zum Weinen war. Die Gläubigen besaßeneine solche Fülle des Heiligen Geistes, daß sie die paulinischenBriefe ohne Erklärung zu lesen vermochten, schon die Kinder ver-standen sie. Die Ordensleute waren von Fasten ganz abgezehrt, tru-gen das Haupt aus Demut gesenkt und hatten stets die Augen vollerTränen, das Herz voller Liebe. Die Prediger aber troffen vomÖle des Heiligen Geistes. Noch zur Zeit eines heiligen Gregor desGroßen glänzte die Kirche von Schönheit und Heiligkeit, obschonsie seinen Klagen gemäß schon damals vom Verderben der Zeitangesteckt war 67 . Die vorbildliche Zeit der Urkirche währte abernur solange, als die Geistlichkeit, besonders aber der Heilige Stuhl,in Armut und Einfachheit, in heiliger Semplicitä, verharrte, underlosch sofort in dem Maße, in welchem diese entwich, um imselben Maße dem Hader und Hasse Platz zu machen. In der Ur-kirche lebten die Gläubigen in Liebe und Eintracht, weil sie nochalles gemeinsam und nichts für sich selbst besaßen. Als dann abereinige mit dem Eigenbesitze begannen, da sonderten sich jene ab,die hiervon nichts wissen wollten, und so entstanden die Ein-siedler, deren Nachfolger die Ordensleute waren. Allmählichmehrte sich der Besitz in der Kirche, und mit ihm machten sichHabgier, Ämtersucht, Wollust und alle Laster breit 68 . Gleich denfranziskanischen Spiritualen, den Fratizellen, den Apostelbrüdernund den Waldensern 69 , mit Dante 70 , mit Heinrich von Gent und Ni-kolaus von Lyra 71 war Savonarola fest davon überzeugt, daß mitPapst Silvester alles Unheil begonnen habe, da er sich durch An-nahme des ihm vom Kaiser geschenkten Kirchenstaates von derheiligen Semplicitä der apostolischen Urzeit entfernte 72 . Aus tief-ster Seele war ihm die schmerzliche Klage des großen Dichters ge-sprochen 723 :

Welch Unheil, Konstantin, ist aufgegangen,Nicht weil du dich bekehrt, nein, weil das GutDer erste reiche Papst von dir empfangen!"

Da er aber doch auch die Kirchenväter, so noch einen heiligenGregor den Großen, zur alten Kirche rechnete, so mußte er sich widerden Einwand verteidigen, ob er denn größer sein wolle als PapstSilvester? Wenn dieser der vielgerühmten Urkirche selbst an-gehörte, wie konnte er durch Empfang des Kirchenstaates den