ROM EIN ZWEITES BABEL
709
Jahren seines Lebens angehörigen Sänge „Über die BrautChristi 36 " zum Ausdrucke. Noch wenige Wochen vor seinem Todehielt er über das Verderben der Kirche eine eigene Standeslehrefür Priester und Ordensleute 37 . Mit den Worten der alten Prophe-ten kam er auf der Kanzel wie in seinen Schriften immer wiederauf dieses Elend zurück. Rom, rief er aus, ist ein zweites Babel,der Herd und Sitz aller Laster und Schlechtigkeit, voll Hochmut,Ausschweifung und Habsucht; alle" Liebe ist dort erloschen undnur der Teufel mehr anzutreffen. Rom ist gottloser als alle anderenStädte und Länder, selbst als die Türken und Heiden; es verpestetdie ganze Kirche, Frankreich, Deutschland und alle Länder 33 .Darum, wenn du fromm leben willst, so gehe ja nicht nach Romund halte dich nicht bei den Prälaten auf, denn wer einmal län-gere Zeit in Rom war, der ist verloren 39 . Unter den Mönchen gehtdas Sprichwort: „Er kommt von Rom, bindet ihn an!" Wenn dusiehst, daß sich jemand in Rom aufhält, so sprich: „Der ist abge-brüht 40 !" Als eines der furchtbarsten Verbrechen betrachtete er dieSimonie, den Handel mit heiligen Dingen 41 , und ein förmlichesGrauen empfand er, daß man wie überall, so besonders in Rom dieMessen um Geld las, also, wie er sich ausdrückte, das Blut Christiverschacherte 42 . Alles ist käuflich geworden, klagte er 43 , selbst dieSakramente, die Weihen, die Messe, die Predigt; die Pfründenhaben ihren Tarif, und die Frauenklöster stehen den Mädchenoffen, die am meisten bezahlen. „Tritt her, ruchlose Kirche!" riefer aus 44 . „Du hast die Sakramente durch Simonie geschändet, dubist zur ausgeschämten Hure geworden, du bist ein Teufel,du bist schlimmer als ein wildes Tier, du bist ein Scheu-sal." Die Hauptstadt der Christenheit, erklärte er ein ander-mal 45 , ist zur Kloake geworden. Ihre Schamlosigkeit stinkt zumHimmel und ist in der ganzen Welt berüchtigt. Nicht nur 100,nicht nur 200, nicht nur 300, nicht nur 1000, nicht nur 2000, 4000,6000, sondern mehr als 10 000, ja mehr als 14 000 Dirnen treibenihr Unwesen in Rom. Die Buben haben sich in Weiber verwandelt,und damit noch nicht genug —- der Vater schändet seine eigeneTochter, der Bruder die Schwester 46 . Es gibt keinen Unterschieddes Geschlechtes noch sonst eine Rücksicht mehr. Früher schämtesich die hurerische Kirche ihrer Schandtaten wenigstens noch,ehemals nannten die Priester ihre Söhne noch Neffen. Heute nichtmehr, sondern überall nur Söhne, Söhne. Um Geld ist der Hure