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DER KIRCHENERNEUERER
Verrottung des klösterlichen Lebens. Der KamaldulensergeneralAmbrosius Traversari (f 1439) hatte mit den schwersten Mißstän-den zu kämpfen. Fast auf jeder Seite seines ebenso umfang- wieinhaltsreichen Briefwechsels seufzt er über die Mißachtung derOrdensregel und über die Zuchtlosigkeit der Mönche", die sich inihrem Leben von Laien kaum mehr unterschieden, ja, diese anÜppigkeit vielfach noch überboten. Die Oberen gingen mit demschlechten Beispiele voran. Der Abt von Silva Munda war ein ver-worfener Mensch. Ein Abt Johannes führte einen unzüchtigenWandel, ein Amtsgenosse pflog geschlechtlichen Verkehr mit Non-nen und war so geizig, daß er während der Messe keine Kerzen aufdem Altare brannte. Der Mönch Lorenz hatte viele schrecklicheVerbrechen begangen, der Mönch Nikolaus ein Mädchen ge-schwängert, der Laienbruder Rainer jahrelang ein lasterhaftesLeben geführt. Die Novizinnen Antonia und Philippa hatten zuvorals Dirnen gelebt, sich aber nur Kamaldulensern hingegeben. DasKamaldulenserinnenkloster St. Ghristina war so verrufen, daß manihm die Aufnahme weiterer Novizinnen untersagen mußte 7 . Daß esseit den Tagen Traversaris keineswegs besser geworden war, er-hellt aus den amtlichen Schreiben eines seiner Nachfolger, desVenetianers Peter Delphin, der 1480—1515 an der Spitze des Or-dens stand und offen bekannte, dieser sei krank bis auf den Tod;so schlimm seien die Dinge gelagert, daß mit seinem völligenUntergänge wenigstens in Italien zu rechnen sei. An den Fingerneiner Hand könne man die Klöster aufzählen, in welchen die Re-gel gehalten werde, in den übrigen werde sie mit Füßen getreten 9 .Delphin mußte es erleben, daß ihm mehrere Mönche davonliefenund im florentinischen Heere Dienst nahmen, wo sie sich mit demschlechtesten Gesindel verbrüderten und mit den gemeinsten Wei-bern das liederlichste Leben führten. Ein Prior mußte wegen Blut-schande abgesetzt werden, ein Mönch hatte drei Kinder. DieMönche von Murano bei Venedig überfielen ihren Prior im Betteund mißhandelten ihn, der Prior des Engelklosters zu Florenzwurde von einem seiner Mönche mit dem Messer angefallen undverwundet 9 . In anderen Orden und im Weltklerus lagen die Dingeum die Jahrhundertwende nicht besser. In wahre Abgründe sitt-licher Verlotterung lassen die Angaben über das geistliche Ver-brechertum blicken, die sich auf wenigen Seiten der Jahrbücherdes zeitgenössischen Dominikaners Hieronymus de BurselhY 0